Maritime Erinnerungen

Archiv: Antiquar Wolfgang Fuchs hat Negative von 500 000 Schiffen.

Die besten Geschichten schreibt das Leben selbst. An Schauplätzen wie dem maritimen Antiquariat von Wolfgang Fuchs zum Beispiel. Die Adresse Johannisbollwerk 19 ist Treffpunkt von Seeleuten, Historikern, Journalisten und Autoren. Zuverlässige Fundgrube für alle, die nach Literatur oder einem bestimmten Schiff suchen. Denn Fuchs hat neben seinen Büchern und seinem Elbe-Spree-Verlag einen einmaligen Schatz, verstaut in Karteikästen, Regalen und Schubladen: rund 500 000 Schwarzweiß-Negative von Schiffen aus der ganzen Welt.

Fuchs, der noch vor drei Jahren nicht wußte, ob sein Geschäft noch eine Zukunft haben würde, zieht nun mit 65 Jahren um, vergrößert sich. Derzeit packt er mit Ehefrau Sabine und Tochter Maike die Kartons. Am 1. Juni wird am Rödingsmarkt 29 eröffnet.

Es passiert ganz selten, daß Wolfgang Fuchs passen muß. Rund 30 000 seiner Negative hat er sogar im Kopf. Ein Griff, und er hat die "Togo" der ehemaligen Reederei Deutsche Ost-Afrika-Linien in der Hand. Nur einmal fand er weder Schiff noch Worte: "Ein Libanese kam mit einem Koffer voll Schwarzgeld, wollte ein Schiff kaufen", erinnern sich Fuchs und Ehefrau Sabine, seit 30 Jahren unersetzliche Kollegin ihres Mannes. Fuchs dachte an ein kleines Modell, der Libanese dachte an ein ausgewachsenes Küstenmotorschiff. Zwei Millionen Mark hatte er dabei. Fuchs: "Er hielt mich wohl für einen Makler."

1974 hatte der ehemalige Drucker aus Münster den kleinen Laden übernommen: "Damals ein Kiosk für Seeleute, sie kauften Seife, Bootsmesser, Knöpfe und Zahnbürsten." Die Seeleute kommen immer noch - aus ganz Deutschland, aus Belgien, Holland und sogar den USA. Oft, wenn sie in Rente gehen: "Dann wollen sie ihr Schiff mit nach Hause nehmen", weiß Fuchs. Die meisten überkommt die Erinnerung, wenn sie den Abzug, den Frau Fuchs in der Dunkelkammer hinter dem Laden gemacht hat, in der Hand halten.

Seebären sind gewohnt zu erzählen. Von den Piraten im Chinesischen Meer, von der Sonne Brasiliens, der Musik, von Menschen und Häfen. "Wem sollen die das heute noch erzählen? Abenteuer gibt es nicht mehr, und der Nachbar war ohnehin schon überall", sagt Wolfgang Fuchs. Also erzählen sie es in dem kleinen Souterrain. Auch wenn die Realität oft alles andere als romantisch war: "Seefahrt war immer hart und verlustreich", stoppt Fuchs die Illusion.

Er will dazu beitragen, daß die Geschichte der Schiffe, Werften und Seeleute nicht vergessen wird. Deshalb hat er seinen Verlag gegründet, gibt Chroniken von Werften und Reedereien heraus. Gerade ist die Geschichte der jüdischen "Fairplay Schleppdampfschiffsreederei Richard Borchard" in Hamburg erschienen, mit mehr als 100 Fotos. Und wie immer: fast alle aus dem eigenen Archiv. "Sonst wäre so ein Buch nicht zu finanzieren.

Autor Jan Heitmann schreibt schon wieder, derzeit an "Hamburgs Hafen in der Stunde Null - Bilder von Zerstörung und Wiederaufbau." Illustriert mit Fotos aus dem Nachlaß des Fotografen Heinrich Hamann (1883 bis 1975). Den Nachlaß hat Fuchs vor dem Müll gerettet: "Die Fotos sind unersetzbar."

Das könnte man von Wolfgang Fuchs und seinem Laden auch sagen.