Gorch Fock
Inzwischen tragen fast alle großen Segler die Figuren des Ehepaars aus
Schwanewede in der Nähe von Bremen. Aus ihren Händen stammen unter anderem die
Galionsfiguren am längsten Segelschiff der Welt und der goldene Adler am
berühmten deutschen Segelschulschiff Gorch Fock. Ihre Kunden kommen aus
Monaco, Südfrankreich, der Karibik und der Russischen Föderation.
Bevor Claus Hartmann seine erste Skulptur entwarf, probierte er einiges: studierte Biologie, brach ab, machte eine Ausbildung zum Heilpraktiker und absolvierte ein Medizinstudium. Währenddessen ist er seiner wahren Leidenschaft, der Kunst, immer treu geblieben. "Ich wollte zuerst einmal etwas Seriöses lernen. Letztlich hat es nicht viel gebracht, ich bin dann ja doch Berufskünstler geworden", sagt Claus Hartmann. Wieder lacht er. Noch während seines Studiums beschloss er, nur noch mit der Kunst Geld zu verdienen. Zusammen mit seiner Frau Birgit, die er 1994 kennenlernte.
"20 Prozent sind Kreativ-, der
Rest ist Fleiß- und Staubarbeit", beschreibt Birgit Hartmann den Knochenjob
Galionsschnitzerei. Die Figuren sind zum Teil vier Meter lang, so wie die
Peace, eine weiße Frau mit langen Haaren, die eine Taube vor ihrem Oberkörper
in den Händen hält. "Definitiv keine Selbsterfüllungskunst", ergänzt ihr Mann.
Klassische Deerns
Rund drei Monate braucht das Paar, um eine Figur von der Anfertigung einer
Vorlage bis zur Umsetzung fertigzustellen. Eine bestimmte Stilrichtung gibt es
dabei nicht. Hartmanns orientieren sich an der Gegenwart, spielen auch mit so
gar nicht traditionellen Materialien wie Edelstahl. Pragmatisch geht es bei
der Absprache mit den Kunden zu: "Früher gab es nur klassische Deerns
(plattdeutsch für Mädchen). Moderne Schiffe brauchen allerdings moderne
Figuren. Aber wenn ein Kunde etwas Traditionelles will, bekommt er das auch",
sagt Birgit Hartmann, eine große, schlanke Frau mit langen, schwarzen Haaren
und dunklen Augen. Sie würde sich selbst tadellos als Vorlage für eine
Galionsfigur eignen.
Den Auftrag für die allererste Galionsfigur verdankt Claus Hartmann seiner Heimatstadt Elsfleht nördlich von Bremen. 1994 schlug Hartmann dem benachbarten Kapitän des Seglers Großherzogin Elisabeth vor, das Schiff mit einer Figur zu schmücken. Der willigte ein, und noch bevor Hartmann mit dem Auftrag Nummer ein loslegte, folgte bereits der nächste: Ein Reeder hatte von ihm gehört und beauftragte ihn mit der Lili Marleen. "Wir haben genau genommen den Markt für Galionsfiguren geschaffen", sagt Claus Hartmann. "Es gab niemanden mehr, der solche Figuren herstellte - aber auch niemanden, der sie haben wollte. Das mussten wir den Leuten erst schmackhaft machen. Und dann hatten wir plötzlich gleich zwei Aufträge auf einmal", sagt er.
Von jeher schmücken Seeleute ihre
Schiffe mit glückbringenden Figuren, die Schiff und Besatzung beschützen
sollen. Ein Brauch, der fast in Vergessenheit geriet und erst mit dem Neubau
von riesigen Segelschiffen und der Arbeit von den Hartmanns wiederbelebt
wurde. Seitdem haben die beiden rund 75 Galionsfiguren und Skulpturen
angefertigt, darunter auch eine für das Segelschiff Fridtjof Nansen, das ein
Inuit ziert, geschnitzt aus einem Ulmenstamm. In der Hand trägt er eine
Harpune, ihre Spitze ist aus echtem Knochen gefertigt. Die Hartmanns
schnitzten eine Frau für den Segler Peace und auch das größte Segelschiff der
Welt, die Royal Klipper, ziert eine ihrer Figuren.
Barbusige Nixe mit wallendem Haar
Seit einiger Zeit hat Birgit Hartmann das Angebot von "Hartmann Maritime Art &
Design" um Yacht-Interieur erweitert. Auf den Millimeter genau stattet die
34-Jährige Yachten mit ihren Werken, etwa Pixelbildern, aus. Neuestes Vorhaben
der beiden: moderne Yachten mit Edelstahlfiguren verschönern. Ein Prototyp,
eine barbusige Nixe mit wallendem Haar, steht auf Hochglanz poliert im
Wohnzimmer der Familie. Sie kostet um die 50.000 Euro - und ist der einzige
erhältliche Hinweis auf den profitablen Schnitzerjob.
Die Hartmanns sind bescheiden geblieben, leben in einem alten, ausgebauten Bauernhaus mit ihren zwei Kindern. Mit Blick auf die Weser, rustikal, bodenständig. Ein Leben, wie sie es von Schiffstaufen und Yachtwerften kennen, maritimer Glitzer und Glamour, wäre nichts für die Hartmanns. "Das ginge auch gar nicht", sagt Claus Hartmann grinsend, "meine Frau wird schnell seekrank, und ich habe noch nicht mal einen Segelschein."


