Der
Matrose Aldevino Lopes von den Kap Verdischen Inseln vor Afrika
befuhr 35 Jahre lang die Weltmeere. Er arbeitete nachweisbar mit
seinen "Deutschen Seefahrtsbüchern" 35 Jahre lang für eine
Hamburger Reederei und diente nur auf deutschen Schiffen. Im Jahr
1998 erkrankte Aldevino Lopes. Nach einer ärztlichen Untersuchung
in Hamburg fand er sich innerhalb von 14 Tagen als Frührentner
wieder. Die Rente betrug für 35 Jahre Schichtdienst auf hoher See
290 Euro im Monat.
Der Verein "Freunde helfen
Freunden" (Amigos apoiam Amigos) aus Syrgenstein deckte jetzt nach
langer Recherche auf, dass Aldevino Lopes bewusst um seine ihm
zustehenden Rentenansprüche gebracht worden ist. Vorsitzender Wolfgang
Hundt aus Landshausen: "Die Reederei hat ihn legal betrogen. Legal
deshalb, weil deutsche Reedereien Matrosen aus dem Ausland mit
behördlichem Segen unproblematisch von der Rentenversicherung abmelden
dürfen." Die Hamburger Reederei ist mittlerweile vom Markt
verschwunden und kann für die Rente nicht mehr in Regress genommen
werden. Zusammengezählt wurden für Aldevino Lopes fast elf
Jahre lang keine Beiträge zur Rentenversicherung abgeführt.
"Seine Arbeitgeber haben zudem im Jahr 1998 bei einer medizinischen
Untersuchung in Hamburg erfahren, dass Aldevino Lopes am Herzen schwer
erkrankt war. Um hohe medizinische Kosten zur Behandlung des
Herzleidens zu umgehen, wurde er schnell in Frührente geschickt und
musste binnen 14 Tagen Deutschland verlassen und nach Hause
zurückkehren", recherchierte Vorsitzender Hundt.
Frührentner Lopes stieß in seiner Heimatgemeinde Ponto do Sol auf der
Insel Santo Antao bald auf die karitativen Delegationen aus dem
Bachtal und engagierte sich für die "Freunde" als ehrenamtlicher
Dolmetscher und Lehrer für die deutsche Sprache. Er bereitete die am
Augenlicht erkrankten Frauen auf ihren Aufenthalt in Deutschland vor
(DZ berichtete) und sorgte auch für die gerechte Verteilung von
Hilfslieferungen.
Heuer bemerkte Wolfgang Hundt bei einem seiner Besuche auf den Kap
Verden, dass Aldevino Lopes fast am Ende seiner Kräfte war. Weil die
Ärzte auf den Inseln vor Afrika nichts für den Patienten tun konnten,
nahm er ihn mit nach Deutschland. Dr. Pösl junior in Nattheim übernahm
die ersten Untersuchungen und verwies an das Klinikum Heidenheim. Dort
diagnostizierte - wie Wolfgang Hundt berichtet - Chefarzt und
Privatdozent Dr. Schmidt in der Kardiologie schwere Schäden am Herzen
des Patienten.
Zwei Tage vor der angesetzten Herzoperation in Stuttgart brach
Aldevino Lopes in Landshausen zusammen. Dr. Pösl stellte schwerste
Probleme mit der Prostata fest. Urologe Dr. Neumann in Heidenheim half
weiter.
Helfer und Mediziner als Lebensretter
In der Sana-Herz-Klinik in Stuttgart operierten die Kardiologen
Aldevino Lopes acht Stunden lang zunächst am Herzen. Sechs Wochen
später nahmen sich die Urologen am Klinikum Heidenheim der Probleme an
der Prostata an und operierten. "Lebensretter waren sie alle, die
Mediziner und ihre Teams", sagt Wolfgang Hundt heute. Er berichtet
weiter, keiner der Mediziner habe auch nur einen Cent verlangt, doch
liefen insgesamt Verwaltungs- und Gerätekosten in Höhe von 30 000 Euro
auf.
Nach fünfmonatigem Aufenthalt in Deutschland arbeitet der Rentner
Aldevino Lopes auf den Inseln für die "Freunde" wieder als Dolmetscher
und unterrichtet die deutsche Sprache. Der Verein "Freunde helfen
Freunden" erreichte, dass seine Rente von 290 Euro auf 391 Euro erhöht
worden ist - 391 Euro Rente im Monat für nachgewiesene 35 Jahre
Seefahrt im Schichtdienst auf deutschen Schiffen.
Spenden werden erbeten auf das Konto 46011211 bei der Kreissparkasse
Heidenheim, BLZ 632 500 30. Der Verein ist auch im Internet vertreten:
www.freunde-helfen-freunden.com
Den Heiligen Abend bei 30 Grad auf einem Frachter im Pazifik zu verbringen, kann für Seeleute eine ganz schön traurige Angelegenheit sein. Vor allem dann, wenn die Liebsten daheim in Hamburg vor dem Tannenbaum Lieder singen und ohne Papa feiern müssen.
"Liegt im Harz Schnee? Sitzt die Familie schon beim Punsch zusammen? Das denkt man, wenn man als Seemann dort allein auf der Luke liegt", sagt Herbert Fricke, 70. Er moderiert seit mehr als 25 Jahren an jedem 24. Dezember die NDR-Radiosendung "Gruß an Bord", auf den Fluren des Funkhauses auch "Tränenolympiade" genannt. Denn selbst gestandenen Seebären kullern regelmäßig die Tränen, wenn ab 19.15 Uhr die guten Wünsche in alle Welt übertragen werden.
Anfang Dezember werden bereits die ersten Grüße aus der Heimat im Hamburger Restaurant "Schoppenhauer" auf Band aufgezeichnet. Andere liest Fricke, der selbst vier Jahre zur See fuhr, aus Briefen vor. Manchmal kommt aber auch noch während der Sendung ein Gruß herein.
So wie damals, als der erste Schrei eines Neugeborenen live für den frisch gebackenen Vater gesendet wurde. Der Erste Offizier hörte ihn irgendwo auf dem Indischen Ozean zwischen Singapur und Südafrika. "Die Ärzte haben uns Bescheid gesagt, als die Geburt los ging, und dann waren wir im Kreißsaal dabei", erinnert sich Fricke. Das war auch für den Moderator rührend - und für den jungen Vater außerdem teuer. Er musste mehrere Runden an seine Kollegen ausgeben, die mitgehört hatten.
In solchen Momenten seufzt ganz Norddeutschland gerührt. Die Sendung gehört seit ihrem Start 1953 zum Fest wie Kirche und Kartoffelsalat - auch für Familien ohne Verbindung zur Seefahrt. "Wir haben die höchsten Einschaltquoten unter den ARD-Hörfunksendungen", sagt Fricke.
Mit seiner Sendung bildet er die ganze Bandbreite des Lebens ab. An einem Weihnachtsabend in den 70er-Jahren klopfte ein kleiner Junge an die Studio-Tür. Er wollte seinem großen Bruder auf See mitteilen, dass der Vater einen Tag zuvor bei einem Unfall gestorben war. "Wir wussten erst nicht, was wir machen sollten", erinnert sich Fricke. Das Team entschloss sich, die Nachricht zu senden. Der junge Mann hätte sonst erst Wochen später davon erfahren.
Früher war die Sendung "Gruß an Bord" für viele die einzige Möglichkeit, Neuigkeiten mit der Familie auszutauschen. Für Stimmung auf dem Frachter "Münsterland" sorgte 1967 Kapitän Wolfgang Scharrnbeck. Er sagt heute noch, dass die Sendung "uns damals Weihnachten gerettet hat". Obwohl das vermutlich auch an seinen Weihnachtspartys gelegen hat, von denen seine Mannschaft noch heute schwärmt. "Man muss als Kapitän aufpassen, dass die Jungs nicht alleine auf der Pritsche sitzen und Familienfotos anschauen", sagt er, "denn Weihnachten auf See passt einfach nicht zusammen."
Die Radiogrüße stammen aus einer Zeit, als mehr als 50 000 Seeleute im Einsatz waren. Heute sind es nur noch knapp ein Fünftel. Bis 1998 wurde "Gruß an Bord" über die Küstenfunkstation Norddeich Radio gesendet. Danach hat der NDR die emotionale Familienzusammenführung übernommen. Zwar gibt es heute Internet und Handys. Aber die funktionieren zum einen nicht überall. "Außerdem geht es hier um das Gemeinschaftserlebnis", sagt Fricke.
Der Andrang ist riesig, aber die Sendezeit auf 100 Minuten begrenzt. Gegrüßt werden morgen Abend unter anderen die Soldaten an Bord der Fregatte "Augsburg", die vor der Küste des Libanon patrouilliert, und die 30 Schüler an Bord der Jacht "Johann Smidt" des Deutschen Jugendwerks zur See im Pazifik. Eines darf schon verraten werden: Auch dieses Jahr kullern wieder Tränen.
Wie wird Weihnachten an Bord eines Schiffs weitab von zuhause gefeiert? Eine Ausstellung in Flensburg berichtet von Bräuchen der Seefahrer im Spiegel der Zeiten
Die meisten Menschen zieht es Weihnachten nach Hause. Was aber, wenn das nicht geht - bei Seeleuten, die Tausende Meilen von zu Hause entfernt durch die Weltmeere schippern? Kann man wirklich auf See feiern, unter Fremden und südlich-heißer Sonne? Oder wird das Heimweh in Rum ersäuft?
"Weihnachten liegen an Bord Gefühle blank", sagt der Kapitän a. D. Peter-Michael Luserke aus Schleswig-Holstein. Ganze drei Mal verbrachte er zu Fahrenszeiten - und das sind fast 30 Jahre - das Fest bei seiner Familie. Viele andere Heilige Abende hat seine Frau keine Mühen gescheut, um wenigstens kurze Zeit mit ihm verbringen zu können - dort, wo sein Schiff gerade angelegt hatte.
Leicht ist Dorothee Luserke, Tochter eines Fischers, nicht zu erschüttern. Aber Weihnachten allein? "Wir haben auch ohne ihn immer gefeiert, wie es sich gehört", sagt die Mutter dreier Söhne. "Aber wenn die Kerzen dann heruntergebrannt waren und ich allein in der Stube saß, musste ich doch manches Mal schlucken."
Wann immer es möglich war, reiste sie ihrem Mann hinterher - trotz ihrer Anfälligkeit für Seekrankheit. Einmal überraschte sie ihn in Rotterdam. Nicht nur Geschenke brachte sie mit, sondern auch den jüngsten Sohn und den Hund - und übernahm auch gleich die Kombüse, aus der der heimwehkranke Smutje geflohen war.
Solche gemeinsamen Feste sind für viele Seeleute unvergessliche Ausnahmen. "Natürlich wird auch an Bord gefeiert", sagt Luserke. "Es gibt Braten und einen Tannenbaum. In früheren Zeiten wurden Telegramme verlesen, und wir hörten natürlich Norddeich Radio. Dann haben sich Kapitän und Offiziere möglichst früh zurückgezogen, damit die Mannschaft sich in Ruhe betrinken konnte. Am Heiligen Abend werden selbst die rauesten Seebären sentimental."
Ohne die christliche Seefahrt wäre Weihnachten wohl nicht das Fest, das heute in aller Welt gefeiert wird. Es waren schließlich Seeleute, die Weihnachtsbräuche um die Erde schipperten. Den mit Kerzen geschmückten Tannenbaum zum Beispiel, der seinen Ursprung um 1660 in Deutschland hatte, brachten aus dem Erzgebirge stammende Seefahrer in die Welt hinaus.
Und die Geschichte vom Nikolaus importierten holländische Seefahrer 1621 in die Neue Welt, als sie zum Dank für eine gelungene Überfahrt eine "Sinterklaas"-Statue in Manhattan aufstellten. Das war kein Zufall: Der Nikolaus ist seit jeher Schutzpatron nicht allein der Kinder, sondern auch der Kaufleute und Seefahrer. Der niedersächsische Küstenlandkreis Cuxhaven hat den Heiligen darum auch in seinem Wappen verewigt.
Selbst nüchterne Seemänner erinnern sich in der Fremde gern an die Traditionen. "Gelebtes Brauchtum", nennt das Thomas Overdick vom Flensburger Schiffahrtsmuseum, das die Sonderausstellung "Weihnachten auf See" (siehe Kasten) zeigt. Das Thema ist ein Phänomen mit "vielen Geschichten, aber kaum Material", dafür aber umso mehr Gefühl, das sich, je größer die Entfernung zur Heimat, desto fester an den Tannenbaum klammert. In der Kaiserlichen Marine entstand vor über 100 Jahren der Brauch, dass ein deutsches Schiff, egal wo es sich befindet, zu Weihnachten an der Mastspitze einen Christbaum aufpflanzt.
Die Ausstellung zeigt auch eine Tanne, die per Schlauchboot bei schwerer See vor Grönland vom Fischtrawler "Ahrensburg" aufgenommen wurde, und an der die Salzkristalle heller funkelten als andernorts das Lametta. Ebenfalls sehenswert ist ein Christbaum Marke Eigenbau, den der Zimmermann der Viermastbark "Hebe" im Jahr 1900 vor Chile für einen heimwehkranken Schiffsjungen bastelte - aus Besenstiel, Seil, Ketten und grüner Farbe.
Dekoriert wurde auch der Rettungsring des Kreuzfahrtschiffs "Maxim Gorki": einer Flasche Krimsekt hängt darin. Flasche und Ring verschenkten die russischen Seeleute als Dank für einen geschenkten Baum im fremden Hafen.
Auch das Segelschulschiff "Gorch Fock" schmückt alljährlich ein selbst gebastelter Christbaum aus gefärbtem Tauwerk. Erst wenn das Schiff kurz vor Weihnachten von seiner Ausbildungsreise in Kiel angekommen ist, ergänzt eine Tanne am Bug den festlichen Schmuck.
Eine deftige Weihnachts-Anekdote spielt an Bord der preußischen Brigg "Königin Elisabeth" vor gut 150 Jahren: "Gott sei seiner Seele gnädig!" konterte der Kapitän einen Mann-über-Bord-Alarm im Sturm. Als man ihm aber meldete, dass nicht ein Matrose, sondern das zum Weihnachtsbraten bestimmte Bordschwein in die tosende See gestürzt war, brüllte er augenblicklich: "Boot utsetten un das Swien bargen!" (plattdeutsch für "Boot aussetzen und Schwein bergen!"). Doch da sich keine Freiwilligen fanden, blieb der Braten auf See.
Überraschungen zu Weihnachten hat auch Kapitän Luserke erlebt. So schildert er im Buch "13 Weihnachten auf See" sein erstes Fest fern von zu Hause als 14-jähriger Schiffsjunge: "Zwar waren wir damals noch nicht cool, aber kernig, womit man Gefühlsduselei auch erstickte ..." Kurzzeitig habe er aber dann doch die Fassung verloren: "Weil ich an Bord ein Riesenpaket von meiner Mutter erhielt."
Dat mutt nich düür sien (ein bißchen was auf Platt)
Wat von Harten kummt, dat geiht to'n Harten, heet dat. Wenn dien Jung von söben-acht di dat grote Wiehnachtsbild no't Klingelingeling öbergeben deit, dat hett nix kost. Nix as sien Nodenken un sien Hartpuckern bi't heemliche Molen in sien Kinnerstuuv; sien goden Wünsch sünd in dat Bild mit binnen.
Denn höögst du di, höögst di jüst so as öber de wullen Strümp, de dien grote Deern knütt hett. Tokomen Johr warrst du dor noch oftins an denken, wenn du di in't Sporthuus ümtrecken deist.
Un wenn du de Beuker for dien Froo, se de Beuker for di mit Bedacht utsocht hett, denn weer dat richtig, ok wenn dat nich glieks en Koh kost hett!
Un Wiehnachtsobend sitt ji dor enig an'n Dannenboom, singt mol tosomen, eet noher en Knackwuß oder joon Krintenstuten, drinkt en Tass Koffi oder en Glas Wien un vertellt joo wat. Un ji sünd froh, dat wi Freden hebbt, dat wi uns Welt ohn Larm un Spott un Scheten beleben köönt. Wi Olleren kennt dat jo ok böös anners.
Un luuster man nipp to, wenn dien Söhn oder dien Dochter joo op de Blockfleit oder op't Klavier wat vorspeelt, wo du al jeden Ton von kennst; dat is keen düür Geschenk, is ober gor nich to betohlen . . .
Probeert ji villicht ok dat nee Speel ut, dat de Kinner kregen hebbt? Un roppt ji welk an un wünscht scheune Wiehnachten? Un villicht goht ji an'n Obend in de Kark, neem joon Paster so minschlich predigt.
Bi em markst du ümmer: Wat von Harten kummt, dat geiht to Harten!
erschienen am 24. Dezember 2007
Nach
neun Monaten Auslandsausbildungsreise hat Deutschlands
Segelschulschiff "Gorch Fock" gestern wieder seinen Heimathafen Kiel
erreicht. In dieser Zeit hat das Schiff unter dem Kommando von Kapitän
Norbert Schatz 13 Häfen in Europa, den USA und Kanada angelaufen und
29 000 Seemeilen zurückgelegt, davon etwa 90 Prozent unter Segeln. Es
war die drittlängste Ausbildungsreise überhaupt.
Ernst Biermann und seine Frau Ursula stehen am Hafen und suchen mit einem Fernglas am Horizont nach der "Gorch Fock". Sie sind aus Berlin angereist und erwarten ihren Enkel Rico Steinhagen. "Er hat auf dem Schiff seinen 20. Geburtstag gefeiert", erzählt Ursula Biermann. Aufgeregt zeigt ihr Mann aufs Wasser: "Da hinten", ruft er und reicht seiner Frau den Feldstecher. Immer mehr Angehörige versammeln sich an der Mole: Freunde, Eltern und Großeltern erwarten die Heimkehr ihrer Liebsten.
Dann fährt die "Gorch Fock" endlich ein: An der Reling stehen über 100 Marinesoldaten und die Kadetten in Uniform - einige mit Nikolausmützen auf dem Kopf. Als die Gangway freigegeben wird, drängeln sich Hunderte Menschen an Bord, umarmen und küssen ihre Freunde, Töchter und Söhne.
In vier Etappen wurden 265 Marinesoldaten in seemännischen Grundlagen ausgebildet. Die Kadetten, die in Kiel anlegen, waren von den Azoren nach Kiel gesegelt. Hier geht auch Philipp Wollny (21) an Bord, der von seiner Freundin Janina Lissowski (19) begrüßt wird. Der Offiziersanwärter war sechs Wochen auf See. "Am schönsten waren die Landgänge", erzählt Wollny.
Auch Offiziersanwärterin Katrin Funk (20) freut sich, zurück zu sein. Sie ist eine der 50 Frauen unter den Lehrgangsteilnehmern. Knoten knüpfen und das Klettern in den Rahen gehörten zu ihrem Alltag. Beeindruckt hat sie die Kameradschaft und die Kraft des Meeres. "Ich wurde zwar nicht seekrank, aber bei starkem Seegang hatte das Schiff extreme Schräglage", sagt sie. "Ständig mussten wir aufpassen, dass uns nicht die Schubladen vom Spind gegen den Kopf stoßen."
Schließlich finden auch Ernst und Ursula Biermann ihren Enkel. Rico (20) ist überwältigt von der Fahrt. Besonders beeindruckt haben ihn die Freiheitsstatue, an der die "Gorch Fock" in New York vorbeisegelte, und die Begegnung mit einem Eisberg in Neufundland: "Das erlebt man nur einmal im Leben."
Sie sind auch zu Weihnachten unterwegs, müssen weit weg von ihren Familien und Freunden die Feiertage verbringen - Seeleute aus aller Welt. Deshalb veranstaltet die Deutsche Seemannsmission im Seemannsheim an der Großen Elbstraße traditionell mit dem Vorstand und den Mitarbeitern eine schöne Weihnachtsfeier für die Männer. Die kommen überwiegend aus den Ostblockstaaten und von den Philippinen und sind im Jahr zwischen sieben und neun Monate auf See.
Das Besondere: Zum zweiten Mal stiftet Stephan von Bülow, Vorstand der Block-Gruppe, das Drei-Gänge-Menü. Tomatensuppe, mediterrane Involtinis mit Kartoffelgratin und Crème Caramel wurden gestern Nachmittag von Grand-Elysée-Küchenchef Peter Sikorra an Astrid Schukat überreicht. Die Leiterin der Seemannsmission freute sich mit Angelika Stallbaum (Verwaltung) über die Spende. "Wir sind ein kleines bisschen Heimat für die Seemänner in der Fremde. Es tut ihnen gut, wenn sie merken, dass sie nicht allein sind und es Menschen gibt, die an sie denken."
Im Seemannsheim gibt es neben Übernachtungsmöglichkeiten auch einen Klubbetrieb mit Freizeitangeboten, Devisentausch und Seelsorge. Falls das Heimweh zu groß werden sollte.
Für "Hermione" gehen Handwerker auf Zeitreise
Im westfranzösischen Rochefort entsteht ein
originalgetreuer Nachbau der 1779 vom Stapel gelaufenen, legendären Fregatte
"Hermione" . Das Projekt zieht Handwerker aus ganz Europa an. Die Grundlage für
die Baupläne lieferte der frühere Erzfeind Großbritannien.

Eintritt wie im Schwimmbad. Ein bisschen Zucht und Ordnung
muss beim heiligen Nikolaus schließlich sein: Erst wer sein Ticket in
einen Metallschlitz schiebt und sich durchs Drehkreuz zwängt, hat Zugang
zur Erinnerungsstätte beispielhafter Mildtätigkeit. Und da wollen sie
alle hin, gläubige Russen, urlaubende Deutsche, streunende Katzen,
Wallfahrer, Heiratswillige, Seeleute: Nikolaus-Aura einatmen in der St.
Nikolaus Kirche am Meer.
Bevor man sie betritt, kann man zur Stärkung noch einen frisch
gepressten Orangensaft an einer Getränkebude am Eingang bekommen oder
Halsketten und Armbänder, die Frauen an ihresgleichen loswerden wollen.
Und wer wollte dem Nikolaus nicht in schönstem Putz entgegentreten?
Den Töchtern eines verarmten Mannes in Patara – wo er selbst um 300 nach
Christus geboren wurde – hat der gute Mann einst Gold für die Aussteuer
durch den Kamin gesandt. So rettete er sie vor dem Freudenhaus, auf das
ihr Vater in seiner Not verfallen war. Und legte zugleich den Grundstein
zu seinem Nachleben als Santa Claus.
Das ist der Grund, weshalb die wahre Weihnachtsstube einen Kamin
braucht. Historisch korrekt kann der Gabentisch eben nur per Rauchfang
bestückt werden. Doch Vorsicht: Der Heilige, den kein Mensch mit Gott
Amor verwechselt, winkt sogar Freier heran. Zumindest kennt die
Kunstgeschichte Darstellungen davon. Auf einer stürmischen Seefahrt soll
er auch noch einen ertrunkenen Seemann mit Gebeten ins Diesseits
zurückbeordert haben. Diese Leistung wies den Sohn eines wohlhabenden
Weizenhändlers aus Kleinasien für alle Ewigkeit als Schutzheiligen der
Seeleute aus. Über die byzantinische Tradition wiederum gebührt ihm ein
Platz ganz oben auf der Heiligenskala Russlands.
Wie schön, dass es einen Ort auf der Welt gibt, wo man Hagios Nicholaos,
der an einem 6. Dezember gestorben sein soll, förmlich riechen kann:
Nicht, dass hier jemand mit Weihwasser um sich sprenkelte, Tannenduft
versprühte oder noch seltsamere Rituale abhalten würde. Die kleine
Kirche im türkischen Myra, das heute Demre heißt, besticht gerade durch
mangelndes Zeremoniell, stilgeschichtliche Brüche und die Wärme, mit der
die Menschen verschiedener Kulturkreise und Religionsgemeinschaften dem
weltberühmten Wohltäter begegnen.
Ein Schneemann war er nicht. Nikolaus gehört nicht auf Schlitten,
sondern ins Fischerboot: Er kam von der türkischen Südküste. Inmitten
von Apfelsinenplantagen hat er als Bischof von Myra die frohe Botschaft
verbreitet. Das Volk selbst soll seine Kirche errichtet haben.
Längst liegt natürlich kein Stein von damals mehr auf dem anderen. Was
das Gotteshaus über die Jahrhunderte erlitten hat – Einsturz,
Wiederaufbau, Arabereinfall, Zerstörung, baugeschichtlich unbekümmerte
Restaurierung – lässt sich an jeder Mauerfuge ablesen. Marmorsäulen, die
nichts tragen außer prächtigen Kapitellen, stehen mitten im Raum. Auf
wertvolle antike Mosaiken setzen die Massen unbedacht ihren Fuß um das
„Nikolausgrab“ zu betrachten
Wer’s glaubt, wird selig. Die Gebeine des Heiligen Nikolaus befinden
sich schließlich nicht in seinem zerbrochenen Sarkophag, sondern im
apulischen Bari. Ausgerechnet Seeleute hatten sie gestohlen.
Allerdings zeigt auch das Museum von Antalya ein paar Nikolausknochen,
und zu guter Letzt schmiedet sich jeder so seine eigene Legende. Die
Vorstellung, dass das weite Meer sein Grab ward, ist ja auch sehr
hübsch.
Damit man ihn gleichwohl fest mit Myra verknüpft, verkauft der Saint
Nicholas Shop in der Museumsstraße Heiligenbildchen und Ikonen aller
Art. Fliegende Händler halten Nikoläuse in denkbar vielen Materialien
und Größen bereit, während Reproduktionen diverser Nikolaus-Bildnisse
ganze Ladenfronten schmücken. Es weihnachtet schrill, wohin man blickt.
Als monumentale Bronzefigur mit milden Zügen, Sack über der Schulter und
Kleinkindern am Rockzipfel steht die beliebte Figur im Grünen neben der
Kirche, mit roter Mütze als unübersehbares Wahrzeichen für die Touristen
im Stadtzentrum. Optisch attraktiver als das Nikolausgrab sind freilich
das in den Fels gehauene antike Theater von Myra und die Felsengräber
direkt daneben.
Wie Myra war auch Phaselis etwas weiter nördlich an der Küste ein
wichtiges Handelszentrum. Gleich drei Häfen besaß die mächtigste
Hafenstadt des antiken Lykien. Heute streift man durch Ruinen unter
Pinien. Das Meer ist so klar, dass die Götter selbst darin abgetaucht
wären.
Zunächst hatten Kriegsheimkehrer aus Troja hier Fuß gefasst. Als
Gründungsjahr gilt indes 690 vor Christus. Ein Siedlertrupp soll dem
Hirten Cylabros Ländereien abgeschwatzt haben gegen getrockneten Fisch.
Das trug ihm Ehre ein! Man glaubte, allein ihm den Fischreichtum zu
verdanken. Goldbrasse, Seebarsch, blaue Krebse, Wels am Spieß? Für
Fischesser ist die Gegend das Paradies.
Im Jahr 546 angelten sich die Perser Phaselis, 333 vor Christus weilte
Alexander der Große im Winter dort. War es der gute Wein, der ihn hielt?
Türkischer Rebsaft soll den Eroberer öfters über die Maßen entspannt
haben. Wie Nikolaus kommt im Übrigen auch die Weintraube aus Anatolien.
Ebenso strömten Piraten nach Phaselis und machten vor Olympos nicht
Halt: Eine längst versunkene Stadt, noch so richtig in der Natur
versteckt, jedoch erreichbar über eine unbefestigte Straße, die parallel
zu einer Schlucht verläuft.
Olympos ist nicht von dieser Welt. Das haben insbesondere Jugendliche
kapiert, die in den Sommerferien im einsamen Waldtal ihre Zelte
aufschlagen und die Orangen von Olympos gleich von den Bäumen essen. Die
Frage ist nur: Pirates Camp oder Lila Pansiyon?
Diese Typen pfeifen auf die uniformen Ferienanlagen, die sich rund um
den Urlauberknotenpunkt Kemer stapeln und suchen das Ursprüngliche. Na
ja: Den Orange Club mit der Tequila Night zu haben, ist schon nett.
Wie eine erhabene Kulisse wirkt das mächtige Taurusgebirges, bis zu 3000
Metern hoch. An seinem Fuß finden sich schroffe Felsen, abgeschiedene
Buchten, antike Spuren im grünen Hain. Die Altertümer am Cirali Strand,
die sich den Blicken der wenigen Besucher zu entziehen suchen wie
Susanna im Bade denen der lüsternen Alten, sind keine imposanten Tempel.
Vom Theater ist wenig zu erkennen, das Gebiet fällt allmählich an die
Natur zurück.
Auf schmalem steinigen Pfad pirscht man im Gänsemarsch vom Oto Park,
über den gackernde Hühner wackeln, in die Tiefen des Nationalparks,
hinein in die stille Natur. Moment mal, schlich da nicht eben ein
Nymphchen durchs Schilf? Und der Heilige Nikolaus trug ihr ein Goldstück
nach?
Kein Grund zum Gram: Wer seine Liebste nicht so aufwendig beschenken
kann, mag ihr weit Köstlicheres bieten. Wir sind in der Gegend
besonderer Naturschätze: Die heißen Mandel, Nuss und Granatapfelkern.
Inschriften auf Seemannsgräbern an der Nord- und Ostseeküste erzählen Geschichten vom entbehrungsreichen Leben auf See
"He is buten bleven" lautet die plattdeutsche Inschrift auf einem Erinnerungsstein im ostfriesischen Dornumersiel. Er ist draußen geblieben, das sagt alles und vermeidet überflüssiges Pathos. Ein Spruch, der dem einst entbehrungsreichen Leben auf See gerecht wird.
Dass Seeleute wenig auf viele Worte geben, weder zu Lebzeiten noch nach dem Tod, ist ein verbreitetes Klischee. Beim Spaziergang über Seemannsfriedhöfe an der Küste zeigt es einen wahren Kern: "Sieben vorbei - acht verweht, Wache kommt - Wache geht." In Hamburg Ohlsdorf erinnert am Grab von Bernhard Masson ein Spruch, wie er beim Wachwechsel an Bord großer Schiffe einst üblich war, an die Vergänglichkeit allen Seins.
Der riesige Gottesacker im Nordosten der Hansestadt ist ein begehbares Geschichtsbuch mit vielen maritimen Seiten. Felix Graf Luckner, der legendäre, 1966 gestorbene "Seeteufel", ruht hier unter der Familien-Grabplatte, die sein Schiff "Seeadler" zeigt. Mit dem Dreimaster hatte der Haudegen im Ersten Weltkrieg die britische Seeblockade durchbrochen und insgesamt 16 feindliche Schiffe aufgebracht.
An einen anderen Seehelden erinnert der Familiengrabstein auf dem Alten Friedhof von Hamburg Finkenwerder: Johann Kinau kam 1916 im Skagerrak bei der Seeschlacht zwischen britischen und deutschen Kriegsschiffen um. Besser bekannt ist er unter seinem Pseudonym Gorch Fock. Ein filigraner Anker schmückt dieses Grabmal, am Fuß ist der Titel seines Buches "Seefahrt ist not" eingraviert. Bestattet ist Kinau nahe dem Fundort seiner Leiche in Schweden.
Henrik Dirk de Boer wurde 1849 an einer Düne auf der Nordseeinsel Baltrum begraben. Ein einsamer Grabstein erinnert dort an den holländischen Seemann. Die Insellegende berichtet, dass dem Kapitän der Friedhof verwehrt blieb, weil er ihm angebotenes Schwarzbrot und die Ziegenmilch dazu fluchend ablehnte. Der Schiffbrüchige verlangte Weißbrot und Genever - vergebens, das gab es nicht. Auf "so einem elenden Eiland", so soll er gesagt haben, wolle er nicht mal begraben sein. Als er kurz darauf starb, betteten ihn die erbosten Einheimischen draußen an der Düne.
Letzte Häfen werden solche Gräber genannt. Das mag nah am Kitsch sein. Dicht am Gefühl sind Seemannsgräber allemal geschaufelt. Dass Jan de Boer zwar nur in den Dünen, aber zumindest in einem gekennzeichneten Grab bestattet wurde, mag Zeichen dafür sein, wie dringend sich gerade Küstenbewohner um einen Ort der Trauer bemühen: Ungezählte Männer sind über die Jahrhunderte auf See geblieben und spurlos verschwunden.
Als der berühmte britische Seefahrer James Cook 1779 von hasserfüllten Hawaiianern getötet wurde, forschte seine Besatzung eine Woche lang nach dem zerstückelten Leichnam, bevor sie ihn endlich in allen Ehren auf See bestatten konnten. Die makabre Geschichte verdeutlicht das menschliche Bedürfnis, den Tod des geliebten Angehörigen oder Freundes im wahrsten Sinne begreifen zu können.
"Mein Mann fand wenigstens noch hier auf der Insel seine ewige Ruhe; aber der Eberhard Gronewohld ist ganz verschollen", zitiert der Baltrumer Heimatverein eine alte Insulanerin. Um Menschen zu helfen, die keinen Ort zum Trauern haben, wurde im September in der Lübecker Jakobikirche die "Nationale Gedenkstätte der zivilen Schifffahrt" eingeweiht.
Tote, die das Meer unerkannt an Land spülte, fanden zum Beispiel in Nebel auf Amrum eine Ruhestätte. Hier gibt es den "Friedhof der Heimatlosen". Ein wahres Gesamtkunstwerk ist der benachbarte Ruheort der Amrumer Seeleute. Alte Grabsteine künden bilderreich von den Verstorbenen. Einer davon ist der Seefahrer Hark Olufs, 1724 von algerischen Kaperfahrern gefangenen genommen und als Sklave verkauft. Doch es gelang ihm, das Vertrauen seines Fürsten zu gewinnen und zum Chef von dessen Leibgarde aufzusteigen. 1735 wurde Olufs freigelassen und kehrte zurück zu seiner Familie. Er starb 1754 friedlich in der Heimat - an Land.
"Herr, segne unseren Strand!" sollen die Menschen auf dem Darß in Mecklenburg-Vorpommern einst gebetet und damit reiche Beute an Strandgut gemeint haben. Wo der Sturm das Erbetene nicht brachte, hätten sie übrigens auch gern mit falschen Leuchtfeuern nachgeholfen, weiß die Legende. Wer den Zeichen folgte, sei nach der Strandung von "Dodschlägern" empfangen worden. Auch so konnten Seeleute also das Zeitliche segnen.
An ehrliches Gewerbe zur See dagegen erinnern die prächtigen Gräber auf dem Friedhof im Darß-Dörfchen Zingst. Dort ist übrigens auch Martha Müller-Grählert begraben. Als Heimatdichterin schuf sie das weltbekannte Lied "Wo die Ostseewellen trecken an den Strand" - ein Millionenhit, an dem sie nichts verdiente. Die Dichterin starb verarmt am 19. November 1939 mit 62 Jahren im Altersheim. Ihr Grab trägt als Inschrift den letzten Vers der Liedes: "Hier ist mine Heimat, hier bün ick to Hus".
Wenn sich Irina Antonowa, die Direktorin des Moskauer Puschkin-Museums, zu Wort meldet, darf man mit unausgesprochenen Widersprüchen rechnen. Ihr Handeln scheint von "Verstand und Gefühl" oder "Stolz und Vorurteil" (à la Jane Austen) oder (Ang Lee antizipierend) von "Gefahr und Begierde" bestimmt zu sein - so weit sie nicht auf Lenin rekurriert: "Vertrauen ist gut, Gesetze sind besser". Und zwar Gesetze in demokratischen Staaten, die unter allen Umständen respektiert werden. Das hat sie dieser Tage wieder klar gemacht, als sie infrage stellte, ob 23 Gemälde aus ihrem Haus in London gezeigt werden könnten.
Diese Bilder sind derzeit zusammen mit weiteren knapp hundert aus der Tretjakow-Galerie in Moskau, der Eremitage und dem Russischen Museum in St. Petersburg in der Düsseldorfer Ausstellung "Bonjour Russland" zu sehen. Viele gehörten einst reichen Russen wie Iwan Morosow und Sergej Schtschukin, die nach dem Roten Oktober entschädigungslos enteignet wurden. Da ihnen die Emigration gelang, leben ihre Nachkommen im Westen. Und der Schtschukin-Enkel André-Marc Delocque-Fourcaud versucht deshalb immer wieder, wenn diese Bilder an westliche Museen ausgeliehen werden, per Gerichtsbeschluss doch noch an sein entgangenes Erbe zu kommen.
Auch der Genfer Geschäftsmann Nessim Gaon bemühte sich wiederholt, weil Russland bei ihm Schulden hat, sich an Bildern, dem Segelschulschiff "Sedow" oder Flugzeugen schadlos zu halten. Bislang waren jedoch alle solche Klagen erfolglos.
London, wohin die Düsseldorfer Ausstellung im Januar wandern soll, bietet nun scheinbar eine Chance. Denn in Großbritannien ist das Gesetz über die Immunität von Kunstwerken noch nicht verabschiedet. Gesetze, die der Kunst "freies Geleit" zusprechen, ihr gleichsam Diplomatenstatus verleihen, gibt es noch nicht lange. Die amerikanische "Immunity from Judicial Seizure Act" von 1965 ist eines der ersten. Frankreich folgte 1994. Das deutsche KultgSchGÄndG, des Kulturgutschutzgesetzänderungsgesetz, das eine "rechtsverbindliche Zusage" über die Rückgabe ausgeliehener Kunstwerke erlaubt, wurde im Oktober 1998 verkündet. Und 2003 folgten die Schweiz und Österreich.
Die britische Regierung hat zwar auf Veranlassung der Royal Academy, die die Ausstellung übernimmt und - wegen der beachtlichen Leihgebühren an die russischen Museen - mitfinanziert, in einem "letter of content", einer Bürgschaftserklärung, eine vergleichbare Garantie übernommen. Doch Irina Antonowa verkündet erst einmal, dass das nicht ausreiche - ungeachtet der abgeschlossenen Verträge über die Ausleihe.
So mag man weiterhin rätseln, was sie antreibt, was sie erreichen möchte, ob es das Schwanken zwischen "Gefahr und Begierde" "Verstand und Gefühl" oder "Stolz und Vorurteil" ist.
Von Axel Tiedemann
Wie eine hohe Wand ragt der Rumpf des Kühlschiffs "Discovery Bay" plötzlich auf. Das kleine Lotsen-Versetzboot schaukelt daneben in den kurzen Wellen, schiebt sich näher an das größere Schiff heran. Bedrohlich gurgelt das Wasser zwischen beiden Fahrzeugen. Immer enger wird der Abstand. "Schnell zupacken und dann hoch!", ruft Norbert Stephan gegen den Wind an und greift sich eine Strickleiter, die vom Frachter heruntergelassen wurde. Für den 43 Jahre alten Elblotsen beginnt hier vor Brunsbüttel der zweite Teil seiner "Rundreise". Ein Job, den die rund 240 Lotsen der Lotsenbrüderschaft Elbe zwischen Deutscher Bucht und Hamburg rund um die Uhr erledigen. Am 15. November vor 50 Jahren wurde die Brüderschaft als öffentliche Selbstverwaltungsorganisation gegründet. Seitdem sind die Schiffe auf der Elbe immer größer geworden - das Fahrwasser blieb nahezu gleich eng. Untiefen, Strömungen und hohes Verkehrsaufkommen machen den Strom zu einem der anspruchsvollsten Reviere der Welt. Ab 90 Meter Länge müssen Schiffe hier einen Lotsen an
So auch die 140 Meter lange "Discovery Bay", die Bananen aus Costa Rica für Hamburg geladen hat. "Good morning, Sir", begrüßen zwei philippinische Besatzungsmitglieder Norbert Stephan. Nieselregen setzt ein, das Deck ist glitschig. Die Besatzung ist froh, in der Elbe zu sein. In der Nacht habe das Schiff im Nordseesturm heftig gerollt, sagen die beiden Seeleute. Stephan eilt zur Brücke hoch. Dort wartet ein Kollege. Er trägt eine dicke Wetterjacke mit Signalfarben. In der Nähe von Helgoland hatte er Frachter übernommen. Stephan löst ihn ab. Ein Rundreise-System, das nach dem Taxiprinzip funktioniert: Ein Teil der Lotsen ist auf dem Abschnitt zwischen der See und Brunsbüttel spezialisiert, ein anderer Teil für die Elbe zwischen Brunsbüttel und Hamburg. Nahe Helgoland haben die Elblotsen ihre Seestation: ein katamaranähnliches Spezialschiff für den starken Seegang, der dort oft herrscht. Versetzt wird mit kleineren Tenderschiffen, die ähnlich gebaut sind. Hat ein Lotse einen Job erledigt, reiht er sich praktisch "hinten" wie ein Taxifahrer am Taxistand an und wartet auf die Tour zurück. Im Schnitt sind es sieben Stunden Pause, die Lotsen entweder in der Wechselstation Brunsbüttel oder auf dem Lotsenschiff bei Elbe 1 verbringen. Zurück haben sie einen knappen Tag Pause. Nach vier Monaten gibt's 21 Tage Urlaub.
Oben auf der Brücke blickt Stephan durchs Fernglas, spricht sich über Funk mit anderen Schiffen ab, gibt dem Rudergänger Kommandos. Vor ihm breitet sich das graue Wasser der Elbe aus, erst beim genauen Hinsehen erkennt man die Fahrwassertonnen, die Uferlinie ist im Regen nur unscharf zu sehen. Doch der Lotse hat hier ein dreidimensionales Bild im Kopf. Wo andere nur eine einzige graue Fläche sehen, weiß er, wo die Untiefen sind, welche Bögen das Fahrwasser macht. "120 Grad", sagt er. Dann "125 Grad". Das Schiff fährt eine leichte Kurve. Einfach anhalten kann Stephan das Schiff hier nicht, wenn etwas schiefläuft. "Das ist, wie mit einem Auto auf extremem Glatteis zu fahren", sagt er. Der Kapitän sitzt derweil entspannt am Computer und macht seine Buchhaltung. Ruhig gleitet das Schiff die Elbe hoch, nach zweieinhalb Stunden kommt Hamburg in Sicht. "Man muss vorausschauend fahren - das ist das Wichtigste", sagt Stephan. In wenigen Minuten wird er vom Hafenlosten abgelöst und hat dann ein paar Stunden Zeit für die Familie zu Hause in Jork - bis er wieder dran ist und ein Schiff zurück nach Brunsbüttel bringen muss.
In der Lübecker St. Jakobikirche soll am Sonntag im Rahmen eines Seefahrergottesdienstes auch der Opfer der «Omer N» gedacht werden. Der slowakische Frachter war am vorigen Wochenende im Fehmarnbelt gekenter. Dabei waren vermutlich acht türkische Seeleute, darunter auch eine Frau, ums Leben gekommen. Bei dem Gedenkgottesdienst werde auch ein Vertreter der Muslimischen Gemeinde Lübeck eine Sure aus dem Koran lesen, sagte der Pastor von St. Jakobi, Lutz Jedek, am Freitag. Die Pamir-Kapelle der Lübecker Seefahrerkirche ist seit September eine Gedenkstätte für die Opfer der zivilen Seefahrt.
Einfach wunderschön anzusehen ist das russische Segelschiff „Krusenstern“, das seit Ende September immer wieder von der kanarischen Küste aus zu erblicken ist. Zunächst in Los Cristianos vor Anker kam der Windjammer am 15. Oktober nach Puerto de la Cruz. Bis zum 19. Oktober soll die „Krusenstern“ noch vor der kanarischen Küste kreuzen.
20.10.2007 - Teneriffa - Die Anwesenheit des Viermasters – eines der
größten Segelschiffe der Welt – war den Dreharbeiten zu dem russischen Spielfilm
„Die Passagierin“ zu verdanken, der an verschiedenen Orten Teneriffas gedreht
wird. Der Film erzählt die Geschichte einer Aristokratin – Frau des russischen
Konsuls in San Francisco –, die nach dem Tod ihres Ehemannes in die Heimat
zurückkehrt.
Dreharbeiten auf der Ferieninsel
Der Tourismusförderungsverband der Insel ist natürlich hoch erfreut über die
Dreharbeiten. Seit einigen Jahren schon bemüht sich der Verband über die
Zweigstelle „Tenerife Film Commission“ um die Bekanntmachung und Förderung der
Insel als Drehort.
Die Vielfalt der Landschaften auf Teneriffa, die vielen Sonnenstunden und das
milde Klima machen die Insel zu jeder Jahreszeit zu einem idealen Drehort. Fast
100 audiovisuelle Produktionen (von Spielfilmen und Fernsehsendungen über
Videoclips bis hin zu Werbespots und Photo-Shootings) finden jährlich auf
Teneriffa statt. Die „Tenerife Film Commission“ unterstützt Produzenten und
Regisseure bei der Umsetzung ihres Projekts auf der Insel.
Die „Tenerife Film Commission“ bietet durch fachkundiges englischsprachiges
Personal Beratung und Betreuung von Filmteams an. Der Service umfasst
Location-Tipps, Hilfe bei der Beantragung von Drehgenehmigungen, Kontaktaufnahme
mit lokalen Filmteams.
Auf Teneriffa finden Filmemacher die unterschiedlichsten Kulissen. Mal mystische
Wüsten- und Mondlandschaften, einsame vulkanische Schönheiten, dichte
Laubwälder, Strände mit lava-schwarzem Sand, traditionelle und zeitgenössische
Architektur sowie Fischerdörfer und -häfen. So fiel es der russichen
Produktionsfirma nicht schwer, in Puerto de la Cruz und La Orotava geeignete
Kulissen für die Dreharbeiten zu einem Film zu finden, der Ende des 19.
Jahrhunderts spielt.
Im Herbst 2005 wurde übrigens vor Teneriffa ein Teil des deutschen Fernsehfilms
„Der Untergang der Pamir“ mit dem russischen Schulschiff „Sedov“ in der
Hauptrolle gedreht.
Filmstar „Krusenstern“
Das russische Segelschulschiff „Krusenstern“ ist eine Viermaststahlbark, die
1926 auf der Tecklenborg-Werft an der Geeste in Bremerhaven als „Padua“ vom
Stapel gelassen wurde. Sie gehörte, mit Schiffen wie der Pamir und der Passat
als eine der „acht Schwestern“ zu den berühmten Flying-P-Linern der Hamburger
Reederei F. Laeisz, deren Namen traditionsgemäß mit einem „P“ begannen. Auf der
Jungfernfahrt brauchte sie von Hamburg nach Talcahuano (Chile) 87 Tage.
Die Padua wurde anschließend als Frachtsegler und Segelschulschiff eingesetzt.
Unter anderem brachte sie Baumaterialien nach Südamerika, kehrte von da mit
Salpeter zurück und transportierte später auch Weizen aus Australien. Schon in
den 1930er und 1940er Jahren wurde die Padua mehrfach vorübergehend als
Filmkulisse genutzt, so für „Die Meuterei auf der Elsinore“ (1935), für „Herz
geht vor Anker“ (1940) und in „Große Freiheit Nr. 7“ (1944) mit Hans Albers.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Segelschiff als Reparationsleistung an die
UdSSR und erhielt daraufhin seinen heutigen Namen. Seither wurde es bereits
mehrfach als Filmkulisse für sowjetische Filme benutzt.
Heute nutzt das russische Ministerium für Fischwirtschaft die „Krusenstern“ zur
Ausbildung des Nachwuchses der Fischereiflotte. Dabei werden, wie bei vielen
Segelschulschiffen, auch zahlende Passagiere (Trainees) mitgenommen, die damit
zum Unterhalt des Schiffes beitragen.
21.09.2007 Vor 50 Jahren sank die "Pamir":
Nasses Grab für 80 Seeleute
Von Eva-Maria Mester
Ein zerborstenes Rettungsboot ist alles, was von der stolzen «Pamir» übrig
geblieben ist. In der Lübecker Seefahrerkirche St. Jakobi erinnert es an eine
der größten Katastrophen der zivilen deutschen Seefahrt. Inoffiziell gilt das
Rettungsboot in der «Pamirkapelle» von St. Jakobi schon lange als Gedenkstätte
für verunglückte Seeleute. Schiffsbesatzungen aus aller Welt legen hier Kränze
nieder. Zum 50. Jahrestag des Untergangs am 21. September 1957 wird St. Jakobi
in Lübeck jetzt offiziell zur «Internationalen Gedenkstätte der zivilen
Schifffahrt», der weltweit einzigen, wie Vertreter der Gemeinde betonen.
Das Schicksal der «Pamir» bewegte und bewegt die Menschen. Als sie am 21. September 1957 in einem Hurrikan kenterte und sank, verfolgten Menschen in ganz Deutschland am Radio die viertägige Suche nach Überlebenden. Im November 2006 sahen rund fünf Millionen Fernsehzuschauer den ARD-Zweiteiler über das tragische Ende der «Pamir», obwohl Schifffahrtshistoriker die Handlung als «weit von den historischen Tatsachen entfernt» kritisieren.
«Der Untergang wurde von den Menschen als nationale Katastrophe empfunden, weil so viele junge, hoffnungsvolle Männer starben», sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Schifffahrtsmuseum Bremerhaven, Ursula Feldkamp, die sich für eine Ausstellung intensiv mit der «Pamir» beschäftigt hat. Von den 80 Männern, die damals den Tod fanden, waren viele noch keine 20 Jahre alt, denn die «Pamir» diente als Segelschulschiff der Ausbildung des Nachwuchses für die deutsche Handelsmarine. Nur sechs Besatzungsmitglieder wurden gerettet.
Die 1905 für die Reederei Ferdinand Laeisz gebaute «Pamir» gehörte zu den «Flying P-Linern», einer Reihe von acht Segelschiffen der Reederei, deren Namen alle mit «P» anfingen. Sie transportierte zunächst Salpeter, später Getreide und andere Massengüter. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollten die «Pamir» und die ebenfalls zu den «P- Linern» zählende «Passat» abgewrackt werden, wurden dann jedoch von einer aus 40 deutschen Reedereien gebildeten Stiftung übernommen und als frachttragende Segelschulschiffe eingesetzt.
Am 21. September war die «Pamir» mit einer Ladung Gerste auf der Rückreise von Buenos Aires nach Hamburg, als sie südwestlich der Azoren völlig unvorbereitet in den Hurrikan «Carrie» geriet und sank. Als Unglücksursache stellte das Seeamt im Januar 1958 eine Kombination aus mehreren Fehlern fest. Danach hatte die «Pamir» zu viele Segel gesetzt, durch den Sturm verrutschte die Ladung, die statt mit Wasser mit Gerste gefüllten Ballasttanks machten das Schiff instabil und schließlich drang auch noch Wasser durch die Aufbauten ins Schiffsinnere. Eine ganze Reihe von Fragen blieb jedoch offen, unter anderem die, warum die Besatzung von dem Hurrikan überrascht wurde, obwohl es nachweislich dutzende Wetterwarnungen gegeben hatte.
«Die Mannschaft war offenbar überfordert, möglicherweise hat der unerfahrene Funker die Meldungen schlicht überhört», sagt Feldkamp. «Wir wissen heute außerdem, dass das Schiff in schlechtem Unterhaltungszustand war, weil das Geld für die Werft fehlte.» Das geht auch aus Unterlagen der «Stiftung Pamir und Passat» hervor, die der Schriftsteller Johannes K. Soyener vor wenigen Monaten im Bremer Staatsarchiv entdeckt hat. Sie belegen auch, dass während der letzten Reise der «Pamir» zehn der 40 Reeder aus der bankrotten Stiftung aus, um sich vor Haftungsforderungen zu schützen.
Der Untergang der «Pamir» war auch das Ende der Frachtsegler. Nachdem auch die «Passat» Ende 1957 nur mit knapper Not einem Kentern im Sturm entronnen war, wurde sie außer Dienst gestellt und 1959 an die Hansestadt Lübeck verkauft.
21.09.2007 Knapp am Untergang vorbeigesegelt
Unglück der „Pamir“: Kapitän Hans-Bernd Schwab entkam der Katastrophe vor 50
Jahren – Renaissance der Großsegler?
Er glaubt an einen Schutzengel. Tatsächlich hat es der in Rüsselsheim lebende
Kapitän Hans-Bernd Schwab wohl einer glücklichen Fügung zu verdanken, dass er
am 21. September 1957 nicht mit der Viermast-Windjammer „Pamir“ im Hurrican „Currie“
560 Seemeilen vor den Azoren untergegangen ist, sondern mit der MS „Kandelfels“
durch den Golf von Bengalen schipperte: Ein Konkurrent hatte beim Anheuern auf
der Pamir gute Drähte zum Kapitän und wurde vorgezogen.
Den verzweifelten Notruf der „Pamir“-Besatzung hat Schwab seinerzeit in der Nähe von Ceylon über Funk mitgehört, späterhin erstellte er ein Gutachten über den Untergang des Großseglers, der ein imposanter Frachtsegler und zugleich Schulschiff war.
Der Kapitän des Unglücksschiffs musste sich vor dem Seeamt sowie in einem Straf- und Zivilprozess verantworten. In allen Fällen ging es auch um viel Geld. Ein Großsegler und Segelschulschiff wie die Pamir würde heute rund zehn Millionen Euro kosten. 115 Meter lang, 1905 gebaut, mit 3600 Quadratmetern Segelfläche, beförderte sie an jenem Unglückstag vor 50 Jahren knapp 4000 Tonnen Gerste von Buenos Aires nach Hamburg und hatte 86 Mann Besatzung an Bord.
Vier Tage nach dem Untergang wurden sechs Überlebende gerettet. In einer der schwersten Schiffskatastrophen der deutschen Seefahrt wird seither „viel hineingeheimnist“, sagt Hans-Bernd Schwab. Kaum ein Medium, das sich in den letzten Wochen und Monaten nicht mit dem Unglück befasste. In seinem seitenlangen Gutachten kommt der Seemann zu dem Ergebnis, dass „wohl kein Seeunfall mit einer solchen Gründlichkeit untersucht wurde wie der Untergang der Pamir“.
Mehre Ursachen sind nach seiner Einschätzung für das Desaster verantwortlich. Zunächst die Missachtung der Wetterberichte, die den Schiffen alle sechs Stunden gemeldet werden und aus denen Kapitän Johannes Diebitsch und die Schiffsleitung die heraufziehende Gefahr des Hurrican hätten ersehen können. Weil sie nichts davon wussten, versäumten sie es auch, Bullaugen und Türen zu schließen, es gab keinen Befehl zum Einrollen der Segel. Die Mannschaft saß am 21. September 1957 beim Frühstück, als die Viermastbark mit 45 jugendlichen Kadetten an Bord vom Sturm auf die Seite gedrückt wurde, so dass überall Wasser eindrang. Außerdem geriet die nicht wie früher in Säcken, sondern als Schüttgut geladene Gerste in den Laderäumen in Bewegung und begann hin und her zu fließen.
Ein Teil der Stammbesatzung stieg hinunter in die Laderäume und versuchte, die Ladung zu stabilisieren, andere kletterten bei 140 Stundenkilometern Windgeschwindigkeit hinauf in die Takelage und schnitten die Segel ab, die anders nicht mehr zu bergen waren. Alles vergeblich. Und weil auch der Tieftank am Schiffsboden statt mit Wasser mit Getreide gefüllt war, bekam das Schiff im Laufe der nächsten Stunden 35 Grad Schlagseite und kenterte.
Um 11.24 Uhr wird SOS gefunkt, viel zu spät, heißt es später. Gegen 13 Uhr legt sich die Pamir auf die Seite, treibt kieloben im Wasser und verschwindet dann im tobenden Ozean. Die Mannschaft rettet sich zunächst in Boote, von denen viele beim Herunterlassen beschädigt werden. Die meisten Besatzungsmitglieder sterben innerhalb von drei Tagen. Sechs überleben.
„Der Schiffsführung ist ein Verschulden bei der Beladung nicht anzulasten“, stellte Hans-Bernd Schwab später in seinem Gutachten fest. Auch wenn es inzwischen neue Theorien gibt, die eine Mitschuld beim Kapitän (Fehleinschätzung der Wetterlage) und bei der Reederei (Nachlässigkeiten bei Wartung und Reparatur des Schiffes sowie bei der Einstellung der Offiziere) suchen, wie im Sonntags-Echo vom 15. September berichtet.
So oder so bedeutete der Untergang der Pamir das Ende der kommerziellen deutschen Segelschifffahrt. Und das schmerzt einen erfahrenen Kapitän wie Hans-Bernd Schwab, der mit leuchtenden Augen von langen Segeltörns um den Globus erzählt, von romantischen Nächten auf See, springenden Delphinen und musikalischem Seemannsgarn. Seiner Leidenschaft frönt er heute mit den Seglern des TV Haßloch, mit denen er vom 22. bis 29. September wieder in türkischen Gewässern segelt.
Nach zehn Jahren Ausbildung, darunter drei Jahre Nautikstudium, kann der Rüsselsheimer Seebär Schiffe jeglicher Größe über alle Weltmeere lenken und hat den Traum von einem Wiederaufleben der Segelschifffahrt noch nicht aufgegeben. In einem kiloschweren Buch, angefüllt mit Zeichnungen, Berechnungen und Skizzen, hat er unter dem Titel „Vom Wesen der Groß-Segler“ im März 2003 im Selbstverlag eine Studie vorgelegt, mit der er für Segelschiffe als einem preiswerten und umweltfreundlichen Transportmittel wirbt: 75 Prozent weniger Treibstoff, keine Abgase, keine Luftverschmutzung, niedrige Transportkosten und geringe Besteuerung.
Zudem ließen sich mit Seglern auch neue Routen erschließen. Schwab ergänzt seine Studie mit den Bauplänen für sein Traumschiff, den „Großsegler X“, den er als Modell 1:100 in seinem Königstädter Haus anfertigte. Würde das Schiff gebaut, könnte es 30 Millionen kosten. Bis ins kleinste Detail kann Schwab die Wirtschaftlichkeit eines solchen windgetriebenen Handelsschiffs belegen. Doch alles Werben für die romantische Variante der Seefahrt scheint vergeblich: Tausende von Containerschiffen durchpflügen täglich die Meere und transportieren dabei enorme Mengen von Wirtschaftsgütern. Doch die Öko-Bilanz der Giganten ist laut Berechnung von Hans-Bernd Schwab furchterregend: Die metallenen Riesen fahren mit Dieselöl, verpesten die Weltmeere und stoßen jährlich 450 Millionen Tonnen CO2 in die Luft.
Elfriede
Schmidt
21.9.2007
Von Werner Keller
WITZENHAUSEN. 80 Seeleute, überwiegend junge Männer, starben vor 50 Jahren beim Untergang des Segelschulschiffes Pamir in den Azoren. Einer von ihnen war der Schiffsjunge Manfred Gerstenberg (21) aus Witzenhausen. An ihn erinnert ein Grabstein auf dem Friedhof. Sein Bruder Hans- Joachim lebt bei Darmstadt. Auch ihn lässt das Thema nicht in Ruhe. Er stellte sich unseren Fragen.
Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren Bruder?
Hans-Joachim Gerstenberg: Als kleiner Junge habe ich meinem dreieinhalb Jahre älteren Bruder fast alles nachgemacht, ... was ihn endlos nervte. Unsere Prägejahre fanden unter amerikanischer Besatzung statt. Da haben wir vieles gemeinsam ausgeheckt und ausgefressen, wurden dabei Gott sei Dank niemals erwischt. Während der "Pubertät war es fürchterlich, da bedeuteten die dreieinhalb Jahre Altersunterschied Welten, und ich war meinem Bruder nur lästig. (...) Bei seinen Klassenkameraden war er sehr beliebt, er war gut in "Mathe" und hat so einigen aus der Patsche geholfen. Nach seinem Abitur trennten sich unsere Wege sehr bald. Nach verschiedenen Jobs ging er schließlich zur christlichen Seefahrt (Stationen: Schulschiff Deutschland in Bremen, dann Pamir). An ein Studium war wegen der finanziellen Lage meiner Eltern nicht zu denken. Ich machte eine Maurerlehre mit dem Ziel, später das Bauingenieurstudium aufzunehmen.
Ist Ihre Familie je mit seinem Tod fertig geworden?
Gerstenberg: Als die Meldung durch das Radio kam, dass die Pamir in Seenot geraten war, dann ihr Untergang bestätigt wurde und die Namen der Überlebenden bekannt wurden, glaubte ich, die Welt müsse stehen bleiben. Sie tat es natürlich nicht.
Zu dem Zeitpunkt war ich dabei, die Wohnung meiner Eltern zu renovieren: der Junge sollte das elterliche Heim doch schön vorfinden. Bis auf wenige Schlafplätze lebten meine Eltern, meine Schwester und ich praktisch in unserer Küche, und es gab keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Es war entsetzlich.
Meine Eltern sind an ihrem Kummer zerbrochen und haben es nie überwunden. Wir Kinder lebten in dem Zwiespalt zwischen Trauer einerseits und Unverständnis darüber, dass wir offenbar überhaupt nicht zählten.
Ist die Aufklärung der Ursachen der Katastrophe 1957/ 1958 konsequent und unabhängig erfolgt?
Gerstenberg: Als Angehörige der Opfer durften wir an der Seeamtsverhandlung teilnehmen. Ich war damals gerade 18 Jahre alt geworden und hatte von der Welt noch viel zu wenig gesehen, um mir ein angemessenes Bild machen zu können. Allerdings ist mir in Erinnerung, dass ich den Eindruck hatte, es ginge bei der Verhandlung nur um die versicherungsrechtliche Feststellung, dass das Schiff untergegangen war. Und so war es denn wohl auch.
Das Seeamt hat sich aus heutiger Kenntnis wohl redlich bemüht, die Erkenntnisse zu den Ursachen der Katastrophe zum Ausdruck zu bringen, allerdings äußerst diplomatisch. Daraus kann man ableiten, daß die Wirtschaftsmacht der 40 Überseereedereien, die in der Stiftung "Pamir und Passat" vereinigt waren, ihre Wirkung nicht verfehlte. Der Anwalt der Stiftung hat ja auch alle Register gezogen.
Hätte die Katastrophe verhindert werden können?
Gerstenberg: Definitiv! Das, was die für den Betrieb des Schiffes Verantwortlichen damals schon wussten, ist durch die umsichtige Recherche des Schriftstellers Johannes K. Soyener für sein neues Buch "Sturmlegende, die letzte Fahrt der Pamir" ans Tageslicht gekommen.
Ihm sind die Akten der Stiftung in die Hände gefallen. Danach war das Schiff zum Zeitpunkt des Auslaufens technisch in einem derart desolaten Zustand, dass es nicht hätte auslaufen dürfen. Es gibt einen Kapitänsbrief an die Reederei von der Reise zuvor mit einer umfangreichen Mängelliste, dem offenbar nicht Rechnung getragen wurde. Kapitän Eggers, der das Schiff bis dahin geführt hatte (und der auch den Kapitänsbrief schrieb), macht bei der sechsten. Reise Urlaub, und der ebenfalls Rahsegler-erfahrene 1. Offizier geht gleichzeitig auf den Kapitänslehrgang.
Alles verständlich, aber doch bemerkenswert. Die daraufhin eingesetzte Führungsmannschaft für die sechste Reise war bis auf den 68 Jahre alten Bootsmann unerfahren im Führen eines Rahseeglers dieser Größe.
Schaut man sich die Vita des 61-jährigen Kapitäns Johannes Diebitsch an, so kann man kaum glauben, dass er mit diesem Kommando betraut wurde. Und dieser Umstand wird zum Teil heute noch schöngeredet.
Gab es eigentlich je so etwas wie eine Entschuldigung der Reederei oder finanzielle Leistungen an Angehörige?
Gerstenberg: Außer einer seitengroßen Anzeige mit der Trauerbekundung über den Verlust der Opfer, bei der der Tenor auf der Ohnmacht gegenüber den Gewalten der Natur zum Ausdruck kam, ist mir eine Äußerung der Stiftung Pamir und Passat nicht bekannt, geschweige denn irgendwelche finanziellen Zuwendungen. Damit hätte man juristisch betrachtet eine Mitverantwortung gegenüber den Opfern eingeräumt, was sich wohl katastrophal auf die Zahlung der Versicherungssumme für das Schiff ausgewirkt hätte.
In Erinnerung ist mir, dass zur Verwaltung und gerechten Verteilung der Spenden ein Gremium eingesetzt wurde, dessen Emissäre auf Kosten des Fonds durchs Land reisten, um die Bedürftigkeit der Angehörigen zu befinden. Ergebnisse sind mir nicht bekannt, auch nicht, ob es zu einer Zahlung an meine Eltern kam.
21.09.2007 "Pamir"-Untergang: Die Angst bleibt
Noch heute kommen ihm die Tränen -
denkt er daran zurück. Genau 50 Jahre ist es her, seit der Itzehoer Uwe Woike
(69) als Jungmann auf Deck des Motorschiffs "Anita" stand und den Ausläufern
des Hurrikans "Carrie" trotzte. Um 16.36 Uhr Ortszeit empfing sein Schiff den
S.O.S.-Ruf der "Pamir" und nahm Kurs auf das sinkende Schiff. "Auch ich hätte
auf der ,Pamir' sein können", sagt Uwe Woike. Er hatte sich als Jungmann dort
beworben - und eine Absage bekommen. Woike: "Das ist wohl Schicksal.
Wahrscheinlich wäre auch ich nicht gerettet worden."
Statt auf der "Pamir" befand Woike sich in jenen Septembertagen an Bord der
"Anita". Wenige Tage vor dem Unglück hatte er New Orleans mit Kurs auf Hamburg
verlassen. Der Hurrikan war bereits angekündigt. Drei Tage versuchte seine
Mannschaft, dem Sturm zu entkommen, dann war sie mittendrin. Bei der Sicherung
des Schiffes wäre Woike fast über Bord gegangen. "In dem Moment habe ich
nichts gedacht. Man sieht zu, dass man etwas zu fassen bekommt", sagt er.
Zwei Tage später - die "Anita" steuerte weiter auf Hamburg zu - sendete die
"Pamir" S.O.S.: "Der Funker empfing den Notruf. Die Pamir hatte Schlagseite."
Vier Stunden war Woike zu dem Zeitpunkt von dem sinkenden Schiff entfernt.
"Wir nahmen sofort Kurs auf. Doch auf einmal hieß es: Es ist nichts mehr da
vom Schiff."
Ein Schock für Woike, "auch wenn ich an Bord der Pamir niemanden kannte". Die
"Anita" war eines der ersten Schiffe an der Unglücksstelle, "aber es war
nichts mehr zu sehen, nur himmelhohe See", sagt Woike. Mehrere Tage suchten er
und seine Kollegen nach Überlebenden - nur sechs wurden gerettet. "Die Wellen
waren bis zu 20 Meter hoch, der Regen so dicht, dass wir unser Vorderschiff
nicht mehr sehen konnten."
Der Grund für das Unglück? "Das Getreide wurde falsch gelagert", ist Woike
überzeugt - auch wenn für das Seeamt auch andere Dinge eine Rolle spielen.
Der vergebliche Rettungsversuch der "Pamir" - es war Woikes erste und letzte
Fahrt auf der "Anita". "Das Unglück saß mir zu sehr in den Knochen." Noch bis
1964 fuhr er zur See, danach wechselte Woike zum Zoll. Schon sein Vater und
Großvater waren Seemänner. Woike: "Ich bin Seemann mit Leib und Seele", sagt
er, "aber ich habe damals mit der Seefahrt abgeschlossen".
21.09.1957 Untergang der "Pamir"
Vor 50 Jahren geriet das deutsche Segelschulschiff "Pamir" in einen Sturm und sank etwa 1100 Kilometer westlich der Azoren. Deutschland war geschockt. 80 Seeleute starben. Nur 6 konnten gerettet werden. Karl-Otto Dummer war einer von ihnen.
Die "Pamir" war 1905 bei Blohm & Voss in Hamburg vom Stapel gelaufen: 114 Meter lang, 51 Meter hoch die Masten über Deck. Die 32 Segel hatten die Fläche eines halben Fußballfeldes.
Das Land war erschüttert von der größten Schifffahrtskatastrophe der Nachkriegszeit.
Die "Pamir" war der Stolz der deutschen Segelschifffahrt, auch wenn die Viermastbark Jahre zuvor schon verschrottet werden sollte. Zur Probefahrt kam Bundespräsident Heuss und posierte mit Pudelmütze auf dem Kopf an der Reling.
Während die Zeitungen die ersten Schlagzeilen druckten, die Stimmen der Radiosprecher sich überschlugen, Schiffe und Flugzeuge zur Suche ausschwärmten, kämpfte eine Handvoll Besatzungsmitglieder auf einem halblecken, hölzernen Rettungsboot auf offener See um ihr Leben. Unter ihnen war der damals 25-jährige Klaus-Otto Dummer, Kochsmaat. Er wurde gerettet. Die "Pamir" aber hat Dummer nicht mehr losgelassen, bis heute. In seiner Wohnung hängt ein riesiges Gemälde des Viermasters, in einem Archiv bewahrt er alles auf, was er in den letzten fünfzig Jahren über das Schiff erfahren, gefunden hat. Karl-Otto Dummer ist 75 Jahre alt, gesund ist er nicht. Vor einiger Zeit hat er gesagt: Diesen Jahrestag müsse er noch erleben. Das sei er seinen Kameraden schuldig.
Herr Dummer, es ist genau 50 Jahre her, das die "Pamir gesunken ist" - wie erleben Sie das Jubiläum?
Karl-Otto Dummer: Ganz ehrlich: Ich hoffe, es ist bald vorbei. Diese Veranstaltungen, und all die Leute, die jetzt etwas zum Untergang sagen. Nein. Das einzige, auf das ich mich wirklich freue, ist, dass der Doktor extra aus Amerika zu Besuch kommt.
Der Arzt Dr. Lindner, einer ihrer Retter von dem amerikanischen Truppendampfer, der Sie zurück an Land brachte.
Dummer: Ja. Wir haben Kontakt gehalten, die ganze Zeit. Er ist ein Freund. Dass er kommt, bedeutet mir mehr als die Kranzniederlegung.
Was haben Sie damals nach der Rettung gemacht?
Dummer: Ich bin noch zwei Jahre aufs Meer gefahren, als Proviantmeister auf Dampfern, nach Kanada und Nordamerika.
Sie sind sofort wieder aufs Schiff?
Dummer: Ziemlich bald. In September sind wir damals nach Hause gekommen, im Januar bin ich weggefahren. Geflohen.
Geflohen?
Dummer: Die Zeit nach der Rettung war schlimmer als die Rettung selbst. Der ganze Rummel. Die Leute haben einem Löcher in den Bauch gefragt, ständig. Und dann waren da noch die Eltern derjenigen, die nicht überlebt haben, die Hinterbliebenen. Sie wollten einfach nicht wahrhaben, dass sich ihre Jungs still und heimlich davongeschlichen hatten. Das war nicht einfach.
Sie selbst hat die Katastrophe auch weiter beschäftigt.
Dummer: Bis heute. Ich habe ja auch zwei Bücher über die Pamir geschrieben. Aber, glauben Sie mir: ich konnte trotzdem gut schlafen. Es hat mich beschäftigt, weil ich immer die Wahrheit gesucht habe. Die Wahrheit darüber, warum dieses Schiff untergegangen ist.
Noch in den Stunden vor dem Untergang des Schiffes, schreiben Sie, hat an Bord niemand mit einem Kentern gerechnet.
Dummer: Niemand. Es gab auch keine Panik oder so etwas.
Schon früh am Morgen des 21. September hatte Dummer Schwierigkeiten, sich anzuziehen, so unruhig war die See. Aber er dachte sich nicht viel dabei, so etwas kommt vor.
Gegen 9.30 Uhr ertönten zum ersten Mal die Alarmglocken an Bord. Die Pamir befand sich etwa 600 Seemeilen (ca. 1100 km) westsüdwestlich der Azoren. Wenig später meldeten die Funker das Herannahen eines Hurrikans. Der Seegang verschärfte sich, bald lag das Schiff schräg. Kurz darauf rollte die erste riesige Wasserwand über das Deck. Unter ihrer Wucht zerfetzten die Segel, die Masten brachen, der Lärm hatte inzwischen eine ohrenbetäubende Lautstärke angenommen. Die Besatzung blieb trotz allem zunächst ruhig. Aber gegen Mittag dramatisierte sich die Lage noch mehr. Das Schiff bekam 30, 40 Grad Schlagseite, legte sich dann völlig um. Gegen 13 Uhr kenterte die Pamir.
Zunächst konnten sich viele der Besatzungsmitglieder in Boote retten. Aber die Boote waren kaputt, die Wellen hoch. Die meisten Seeleute starben. Dummer trieb zusammen mit einigen Kameraden tagelang auf dem offenen Ozean. Sie kämpften gegen Durst und Müdigkeit, wurden immer wieder von Wellen überspült. Es gab Haie. Dummer sah Kameraden sterben. Und Schiffe vorbeiziehen, die die Überlebenden nicht entdeckten. Dummer fühlte sich für die anderen verantwortlich. Immerhin war er mit 25 Jahren der Älteste. Aber er war selbst bald am Ende. Als nach drei Tagen ein amerikanischer Dampfer die Schiffbrüchigen rettete, waren sie nur noch zu fünft. Ein weiterer Überlebender wurde einen Tag später geborgen.
Ihr Bericht über die Stunden des Unterganges und die Tage danach ist sehr detailliert – können Sie sich so gut daran erinnern?
Dummer: Nein, das kann ich nicht. Das will ich auch nicht. Der Bericht stammt aus den Sechziger Jahren. Ich habe ihn an einem Nachmittag in meinem Garten auf ein Tonband gesprochen, allein. Da ich ihn damals so geschrieben habe, habe ich ihn so gelassen. Aber vieles würde ich heute nicht so schreiben.
Was zum Beispiel?
Dummer: Ich habe während der ganzen Zeit nicht die Angst gehabt, wie sie in diesem Text beschrieben ist. Ich habe Angst gehabt, klar, aber nicht so große. Denn wenn ich die gehabt hätte, würde ich heute nicht mehr leben. Das ist mir seit langem klar.
Wie sind Sie in den Monaten nach der Rettung mit der Erinnerung an das Erfahrene umgegangen? Sie waren sich zeitweise fast sicher, zu sterben.
Dummer: Das ist schwer zu beantworten. Man lebt einfach weiter. Sonst wäre ich wohl auch nicht mehr aufs Meer gefahren. Ich glaube, wir alle haben das damals gesagt: Das ist, wie wenn ein Metzger sich den Finger abhaut. Das ist ein Berufsunfall. Aus. Und wir sind alle zurück auf Schiffe. Mich hat mal jemand gefragt, ob ich in psychologischer Behandlung gewesen sei. Ich wusste damals noch nicht einmal, dass Psychologen existieren! Da musste jeder allein klarkommen.
Sie sagten, Sie haben immer die Wahrheit gesucht?
Dummer: Ja! Was mich deshalb besonders ärgert, ist, wenn andere behaupten, Dinge zu wissen, die sie gar nicht wissen können. Im vergangenen Jahr gab es zum Beispiel diesen Film über die Pamir. Der war für mich im Grunde eine Beleidigung. Da stimmte so vieles nicht.
Es war ein Spielfilm, Fiktion.
Dummer: Das ist ja auch in Ordnung. Aber mich regt es auf, wenn die Leute bei so etwas behaupten, sie hätten der Pamir ein Denkmal gesetzt. Das ist für mich schlimm. Ich war doch dabei. Und ich sage dennoch nur: Es hätte so gewesen sein können. Ich sage aber niemals: So ist es gewesen.
Wie ist es denn gewesen? Gibt es für Sie den einen Grund, warum die Pamir untergegangen ist?
Dummer: Wir wussten zum Beispiel alle nicht um „Carry“. Erst am Morgen des 21. habe ich erfahren, dass es diesen Hurrikan gibt. Aber das ist ein Grund von vielen. Das meiste, was das Seeamt hinterher gesagt hat, ist zum Teil wahr. Alles, was ich in all den Jahren machen konnte, ist Fragen stellen und sie hypothetisch beantworten.
Beinahe sofort nach der Pamir-Katastrophe setzten Spekulationen über die Gründe des Unglücks ein. Die Frage, ob Segelschiffe als Schulschiffe überhaupt noch zum Einsatz kommen sollten, wurde heiß diskutiert. Manch einer bezeichnete die 1905 gebaute Pamir als Anachronismus, der längst aus dem Betrieb genommen gehörte. Im Januar 1958 begann in Lübeck die Seeamtsverhandlung.
Hauptverantwortlich für den Untergang, hieß es am Ende, seien verschiedene Ursachen gewesen. So wären die Segel falsch gesetzt worden, die Schiffsführung hätte über zu geringe Erfahrung verfügt. Noch fataler hätte sich ausgewirkt, dass die Ladung mit Gerste nicht richtig in den Laderäumen verteilt worden wäre.
Denn Gerste ist glatt, sie verrutscht. Und das kann bei Schräglage des Schiffes gefährlich sein. Die Gerste, hieß es weiter, wäre zudem auch in den Tieftanks gelagert worden, in denen sich eigentlich Ballastwasser befinden sollte. Und schließlich: die Aufbauten wären nicht orkansicher gewesen, daher konnte Wasser einbrechen. Trotz allem kam das Seeamt zu dem Schluss, dass die "Pamir" den Hurrikan hätte überleben können. Es gab durchaus Einwände gegen das Urteil. Experten, die „höhere Gewalt“ als Erklärung des Unglücks ablehnten. Die der einen oder anderen Ursache die Hauptschuld gaben. Dummer selbst hat den Hergang des Unfalls minutiös rekonstruiert. Und viele mögliche Ursachen gefunden. Das ist vielleicht Dummers Problem: dass er noch immer die eine Wahrheit sucht, von der er weiß, dass sie nicht zu finden ist. Dass es sie nicht gibt.
Vor kurzem wurde ein Buch veröffentlicht, dass ein neues Licht auf die Ursachen des Unterganges wirft.
Dummer: Ach, mein Gott, Sie meinen vermutlich den Roman.
Der Schriftsteller Johannes K. Soyener hat für seinen Roman „Sturmlegende“ das Bremer Staatsarchiv durchforstest und fand unter anderem heraus, dass die Pamir erhebliche Mängel hatte, eigentlich so nicht hätte auslaufen dürfen. Die Eigner und Reeder hätten das gewusst, aber um des Profits Willen darüber hinweg gesehen.
Dummer: Soyener hat einiges gefunden – das der Kapitän vorher sein Testament gemacht hat, etwa – Dinge, die ich so nicht wusste, und die er auch beweisen kann. Aber sein Buch bleibt doch Fiktion, es ist kein Tatsachenbericht. Das die Reederei auf den Profit aus war, das stimmt sicherlich, das stelle ich gar nicht in Frage. Nur, darum ist das Schiff nicht untergegangen.
Würde es Sie beruhigen, wenn die Ursachen des Unglücks restlos aufgeklärt würden?
Dummer: Es ist nun mal so: Es gibt zehn, vielleicht auch zwanzig Gründe, warum das Schiff untergegangen ist. Es war ein Zusammenspiel. Ich persönlich könnte irgendwelche Behauptungen aufstellen. Aber das tue ich nicht. Weil ich es ja gar nicht beweisen kann. Niemand kann das endgültig. Aus, Schluss, vorbei.
Ende der Fünfziger Jahre haben Sie das Meer doch verlassen. Warum?
Dummer: Ich wollte ja nie Kapitän werden, wie die anderen. Ich wollte etwas von der Welt sehen. Das hab ich auch. Ich bin acht Jahre zur See gefahren. Das hat gereicht. Um die Welt, um die Menschen kennen zu lernen. Vielleicht verstehe ich deshalb die heutige Menschheit nicht.
Was verstehen Sie nicht?
Die Menschen leben so in den Tag hinein. Geschichte, die großen alten Autoren, das kümmert niemanden. Fragen Sie mal jemanden, wer Seneca ist. Und wenn Sie dann alt und kaputt sind und im Rollstuhl sitzen, dann kämpfen sie dagegen an – obwohl sie wissen müssten, dass in dem Augenblick, wo sie geboren werden, der Tod vorbestimmt ist – aber darüber macht sich niemand Gedanken.
War diese Idee – dass zum Leben der Tod gehört – etwas, was ihnen damals geholfen hat?
Dummer: Ja, das hat mir sehr geholfen. Mein Vater ist mit 56 Jahren an den Folgen seiner Kriegesverletzung gestorben. Da habe ich viel über den Tod nachgedacht. Und ich habe mich vorher mit meinem Vater oft über ähnliche Dinge unterhalten. Im Gegensatz zu vielen anderen hatte ich da weniger Angst, weniger Respekt.
Sie haben gesagt, dass Sie nach ihrer Rettung geflüchtet sind vor dem Rummel an Land. Wie war es auf dem nächsten Schiff?
Dummer: Auf einem Schiff, das hundert oder zweihundert Meter lang ist, da gibt es kein Geheimnis, und wenn etwas auf der Back passiert, weiß das der Achter keine zehn Minuten später. Wenn ich irgendwo an Bord kam, da war ganz klar: „Ah, das ist der Kuddel Dummer, von der Pamir.“ Da wurde darüber gesprochen, wie man damals unter Kameraden darüber sprach. Und dann war das Thema abgehakt. Entweder, man war ein Kerl und passte sich in die Gemeinschaft ein, oder man ging im nächsten Hafen wieder von Bord. Das war, warum uns – ich sage bewusst uns – das Leben auf See besser gefallen hat als auf Land. Weil man da seine Meinung sagen konnte. Das war’s.
Karl-Otto Dummer: Pamir. Die Geschichte des Untergangs. Edition Maritim, 24,90 Euro
20.09.2007 Unterschriften der Überlebenden
Als Karin Thiel noch Stube hieß, ein zwölfjähriges Mädchen, ging die Pamir unter, am 21. September 1957.
Ein Schulschiff war das. "Das stolzeste Schiff der Weltmeere". Der Hurrikan, der es umlegte, hieß Carrie, (ob außer der falschen Beladung in Buenos Aires und dem dafür verantwortlichen Kapitän auch die Reederei Schuld war, manche sagten, das Schiff hätte gar nicht auslaufen dürfen, ist heute noch Streitthema). Das Kind war tief beeindruckt, unter den Toten war ein junger Mann aus ihrer Heimat Lippstadt, im Radio gab´s Sondernachrichten, die Zeitungen schilderten Unglück, Suche und die Rückkehr der sechs Überlebenden.
Karin Thiel hat gesammelt, damals, was in den Zeitungen stand, die Zeitungen hießen "Der Partriot" oder "Die Glocke", und sich vom Taschengeld den "Stern" gekauft. Darin dramatische Szenen auf dem Meer, gezeichnet nach Erzählungen der Geretteten. Überschrift: "Ich war an Bord der Pamir". Was sie so faszniert und nicht losgelassen hat? Die Windjammer an sich allemal, das Leben auf dem Meer, aber dann doch wohl auch, dass so viele junge Menschen an Bord waren, 51 Schiffsoffiziersanwärter, für 25 von ihnen war es die erste Reise, Siebzehnjährige.
Jedes Jahr im September nimmt Karin Thiel, seit 1966 Lünerin, ein schmales Bändchen aus dem Schrank und blättert darin. Es ist ihr Erinnerungsbuch. Zwei Jahre nach dem Untergang der Pamir hat sie, just auf der Handelsschule, ihre Maschinenschreibkenntnisse umgesetzt und Zeitungsartikel abgetippt. Sie hat geschnippelt, geklebt, geschrieben und binden lassen. "Ich habe das Buch per Einschreiben von einem der Überlebenden zum nächsten geschickt" - und auch zu jenem Kapitän, der die Fahrt eigentlich hatte machen sollen und aus Krankheitsgründen absagte. Vom November 1961 bis Mai 1962 war das Buch auf Reisen, und jeder der sieben Männer gab dem jungen Mädchen mit dem seltsamen Interesse für das Schicksal der Pamir seine Unterschrift: Kapitän Eggers, Karl Dummer, Karl-Heinz Kraaz, Klaus Fredrichs, Georg Wirth, Günter Hasselbach, Folkert Anders.
Die Namen kennt Karin Thiel bis heute auswendig, auch den des jungen Mannes aus Lippstadt, den, das erfuhr sie später, der Vater in dem Wunsch bestärkt hatte, zur See zu fahren, weil er es selber nie geschafft hatte, und der sich eine Seebestattung wünschte, um endlich bei seinem Sohn zu sein.
Ein Schwarzweißfoto der Pamir in
majestätischer Pose bekam Karin Thiel bei einem Besuch in Rünthe geschenkt.
Maria Rensing, die sich Mutter der Pamir nannte und aus Gründen, die sich der
Erinnerung entziehen, mit den Jungen auf dem Schulschiff regelmäßig
korrespondierte, hat mit der damals 18jährigen ein langes Gespräch über die
Pamir geführt. Wäre sie ein Junge gewesen, sie wäre zur See gegangen, sagt Karin
Thiel. Vielleicht weil sie ein Mädchen war, hat sie stattdessen den Einband des
Buchs mit einer Bleistiftzeichnung nach dem Schwarzweißfoto der Windjammer
verziert.
14.09.2007 SEA CLOUD CRUISES: Neubau einer dritten Segelyacht
Die legendären Luxus-Segelyachten
Sea Cloud und Sea Cloud II bekommen eine neue Schwester. Bis September 2009
wird das größte jemals als Passagierschiff gebaute Dreimast-Vollschiff auf
einer spanischen Werft entstehen.
Sie segelt unter dem Namen Sea Cloud Hussar.
„Wir sind stolz, die Legende der Sea Cloud mit diesem neuen Projekt
fortschreiben zu können“, betont der Reeder und Vorstandsvorsitzende der Hansa
Treuhand Holding AG, Hermann Ebel, bei der Vorstellung der Pläne in Hamburg.
„Die Resonanz im Markt auf unsere Form der nostalgischen und zugleich
zeitgemäßen Angebote ist enorm“, ergänzt Konstantin Bissias, Geschäftsführer
von Sea Cloud Cruises GmbH, die das neue Schiff vermarkten wird.
Die Segelyacht wird 135 Meter lang bei über 17 Meter Breite und hat eine
Gesamtsegelfläche von rund 4.000 Quadratmetern verteilt auf 27 Segel. Bis zu
136 Passagiere finden an Bord des neuen Schiffes Platz und werden von 90
Crewmitgliedern umsorgt. Wie die traditionsreichen Schwestern wird die Sea
Cloud Hussar von Hand gesegelt.
Nicht nur die Art des Segelns, auch der Name des neuen Schiffes hat Tradition:
Der erste Name der 1931 in Dienst gestellten Sea Cloud war ebenfalls Hussar.
Das Schiff erfüllte damals vor knapp 80 Jahren den Traum der amerikanischen
Millionärin Marjorie Merriweather Post-Hutton von der schönsten und größten
Privatyacht ihrer Zeit.
Die Sea Cloud Hussar wird von einer Schiffsgesellschaft unter dem Dach der
Hansa Treuhand Holding AG gebaut. Auch die Sea Cloud Cruises GmbH, die das
neue Schiff - ebenso wie die historische Sea Cloud und die drei weiteren
Schiffe Sea Cloud II, River Cloud und River Cloud II - vermarkten wird, gehört
zur Hansa Treuhand Holding AG. Für die Planung des Schiffes zeichnet die
gruppeneigene Reederei HANSA SHIPPING verantwortlich. Die Innenausstattung
wird von dem renommierten Hamburger Büro Partnership Design gestaltet, aus
dessen Feder auch die 1996 und 2001 in Dienst gestellten Flussyachten River
Cloud und River Cloud II sowie die Sea Cloud II stammen. Gebaut wird das
Schiff auf der Factoria de Naval Marin in der Nähe der spanischen Stadt Vigo.
Die neue Segelyacht Sea Cloud Hussar wird die Tradition der legendären Sea
Cloud ins neue Jahrtausend fortführen. Technisch genügt das Schiff den
höchsten Ansprüchen und trägt den Aspekten einer umweltschonenden
Antriebstechnik Rechnung. Ergänzend zu den Segeln als Vortrieb hat sich die
Reederei für einen besonders umweltfre