CUTTY SARK RACE 2002 - SANTANDER  - PORTSMOUTH

 

von Andrea Neumann aus Wien

 

Ungefähr seit Mitternacht dümpeln wir vor der Isle of Wight, der GPS beim Steuerstand läuft noch immer, zeigt einen Kurs von 222 Grad mit 2,7 kn. Alle Segel sind weggepackt, als wir die Ziellinie passierten, standen alle schon parat mit den Tauen in der Hand. Mit Unterstützung des Stroms waren wir mit gut 11kn über die Linie gerauscht - jetzt treiben wir umher, Nebelschwaden hüllen uns ein. Ab und zu taucht ein Frachter auf und entschwindet in´s Nirgendwo. Vormittags schien noch die Sonne, Palinuro fuhr unter vollen Segeln in ein paar Meilen Abstand an uns vorbei, mittags die Mir.

 

Die feuchte Luft verfärbt das blank geputzte Messing, die Glocke ist jetzt orange und lila gefärbt, nur der Schriftzug "Sedov" glänzt noch golden. Außer 2 Kadetten vorn an der Nagelbank beim Bugspriet ist niemand an Deck zu sehen - eigenartige Stimmung, wie auf einem Geisterschiff. Es ist kühl geworden, ich lehne an einem dieser schönen Poller und schreibe. Heute ist Dienstag, der 13. August 2002, ca. 18 Uhr. Wir haben eine erlebnisreiche Woche hinter uns, die letzte Etappe des Cutty Sark Race von Santander nach Portsmouth. Keine leichte Strecke, bei meist nördlichen Winden durch die Biskaya. Hier wollte ich schon immer mal segeln, vorsichtshalber auf Sedov, die nicht für Leichtwindgebiete gebaut wurde. Dieser Törn war sicher mein schönster auf diesem Schiff, weil ich ein bißchen die Macht von Wind und Meer erahnen konnte, während wir fast ständig unter Vollzeug segelten.

 

Samstag, 3. Aug. 02

Nach etwas mühsamer Anreise über Paris und Bilbao stehe ich am Abend endlich wieder auf den Planken der Sedov. Ich habe sie vermißt, mich auf den Törn nach St. Petersburg gefreut, aus dem leider nichts wurde und bin jetzt einfach nur glücklich, dieses Schiff wieder zu sehen. Ein netter Kadett schleppt meine Tasche nach unten, ich stehe etwas ratlos herum, wohin? "Meinen" Raum 5 gibt es nicht mehr, aber in jeder der neuen Kabinen freie Kojen. Also hinein nach "Hamburg", ich mag diese Stadt, außerdem wird das Bett beim Bullauge morgen frei. Ich möchte auch wissen, was draußen los ist, wenn ich in meiner Koje liege.

 

Da ich das Abendessen verpaßt habe, mache ich mich auf den Weg in die Stadt, die Lokale sind überfüllt, zum Teil kommt man nicht einmal bei der Tür hinein. HUNGER! Gegen 22 Uhr finde ich bei einem Straßencafe Platz, ein ordentlich garnierter Toast ist noch zu haben - gerettet! Gegen 23 Uhr zurück zum Schiff, warten auf´s Feuerwerk. Ich treffe den Chief Mate Sascha und seine Frau Ruschana, die mir noch Bettzeug und Handtücher organisiert. Das Feuerwerk hat etwas Verspätung, ist dafür aber sehr schön, ich genieße es ohne Kamera in der Hand. Viele Schiffe sind unterwegs, Menschenmassen am Kai und auf den dort liegenden Windjammern. Als ich um ca. 1 Uhr schlafen gehe, stehen noch immer Schlangen, um die Schiffe zu besichtigen. Die Spanier haben eben einen anderen Lebensrhythmus als wir.

 

Sonntag, 4. Aug. 02

Ich flüchte vor den Menschenmassen im Hafen zur Stadtbesichtigung, schaue am überfüllten Strand vorbei, klettere durch Löcher in Drahtzäunen, um die Stadt Amsterdam zu fotografieren, die zur Tagesfahrt ausläuft und schaue auch die kleineren Schiffe in der Marina und im Stadthafen an. Die Marina ist durch eine Mole geschützt, am Kai ist zeitweise beträchtlicher Schwell, sogar Sedov bewegt sich deutlich.

 

Die Trainee-Kärtchen sind in Santander wirklich nötig, es ist unglaublich, wieviele Leute unterwegs sind, um die Schiffe zu besuchen - erinnert mich an den Hamburger Hafengeburtstag. Mit Kärtchen kommt man schnell auf´s Schiff, bei den Niedergängen zum Museum geht fast nichts mehr, ich benütze nur mehr den "Hintereingang". Den Weg zur Toilette muß man rechtzeitig antreten, da nur die beim Museum benützt werden können, die Herrentoiletten beim Maschinenraum sind abgeschlossen, weil verstopft. Die beim Museum sind offen und werden von den Besuchern eifrig benützt, leider gibt´s keine Zettel, daß man kein Papier in die Toilette werden darf, außerdem funktionieren die Spülungen nicht richtig. Bei jedem Gang zum WC transferiere ich das Papier aus der Muschel in den Plastikeimer - auf einem alten Schiff muß man auch damit leben können.

 

Es war ein schöner Sommertag, die heiße Dusche am Abend tut gut.

 

Montag, 5. Aug. 02

Zeit zum Einkaufen der letzten Vorräte und Ansichtskarten, das Wetter ist nicht besonders, es ist trüb, ab und zu regnet es ein bißchen. Ich möchte noch einige Schiffe fotografieren, leider habe ich dazu nicht den gestrigen Tag mit besserem Wetter genützt.

 

Die letzten Trainees treffen ein, wir sind 8 Frauen und 7 Männer. Wieso Simon, der neue Traineebetreuer (Schwiegerson vom Chief Mate und mit seiner Frau Katja an Bord) vier Männer bei mir einquartiert ist mir rätselhaft, aber auch egal, bei den großen Kabinen waren´s noch mehr. Johannes kenne ich schon vom Vorjahr und Dieter, Reinhold und Rob sind auch ganz nett, Dieter hat außerdem das richtige Werkzeug mit, um die verkehrt montierten Riegel an den Spinden so umzumontieren, daß man sie auch wieder mit einem mitgebrachten Schloß absperren kann. Vielleicht hat Simon auch nach Sprachen sortiert, die Trainees kommen aus Deutschland, Holland, Frankreich, Belgien und Großbritannien, ich selbst aus Österreich.

 

Um 22 Uhr gibt´s im Lenin Raum, der ohne Fotos an den Wänden und mit etwas sparsamer Beleuchtung infolge etlicher kaputter Strahler kalt und dunkel wirkt, die erste Trainee-Einweisung durch Simon. Viel erzählt er nicht, gerade das Nötigste. Sergej Mishinjow, der auch irgendwie für uns zuständig zu sein scheint, macht sich an der Kaffeemaschine zu schaffen, unsere französischen Mädels quatschen und kichern im Hintergrund, wodurch man Simon, der mit eher leiser Stimme spricht, kaum versteht. Simon sammelt unsere Voucher und Pässe für die Crewliste ein und verspricht auch, für die teilweise noch fehlende Bettwäsche zu sorgen. Rob und Dieter haben bis Ende des Törns nur ein Leintuch.

 

Eine Schiffsführung möchte Simon auf unsere Anregung hin auch organisieren, mit Bibliothek, Küche, Brücke und Sauna (!), daß wir auch zum Segelmacher und in den Maschinenraum wollen, ist für ihn unverständlich, dort ist es doch schmutzig! Wir überzeugen ihn, daß diese Bereiche des Schiffes trotzdem für uns interessant sind. Außerdem erzählt er noch, daß uns einige Offiziere ein bißchen einweisen werden (ich warte noch immer darauf). Klettern steht natürlich auch am Programm, außerdem dürfen wir alle Crewmitglieder alles fragen und Infos über Kurs, Position, Wetter, etc. wird er für uns am schwarzen Brett bei den Traineekabinen aushängen (hat einmal mit 2 Tagen Verspätung geklappt, einen zweiten Zettel haben wir als "Schmierzettel" in der Navigation gefunden) da uns das komischerweise auch interessiert. Bei Problemen sollen wir zu ihm kommen, er gibt uns seine Kabinen- und Telefonnummer, trotzdem ist er manchmal unauffindbar. Ich spüre wieder einmal ganz deutlich, daß ich mich auf einem russischen Schiff befinde.

 

Auf einer Liste tragen wir uns für die Wachen ein, ich nehme die am 2. Großmast und beschließe gleich, die Nacht durchzuschlafen und nicht unnütz von 4 - 8 Uhr an Deck herumzusitzen, dafür aber gemütlich mit der 2. Gruppe später zu frühstücken. Das "böse Erwachen" kommt am nächsten Tag, als Simon zu unserer Aufstellung die Wachzeiten dazuschreibt und uns aufmerksam macht, daß sich unsere Essenszeiten (7.30, 11.30, 15.30 und 18.30) nicht verändern, egal welche Wache wir gehen. Nur die Wache von 0 - 4 Uhr muß um 4 Uhr frühstücken, um 7.30 wird für diese Trainees nicht mehr gedeckt. Wo ist da die Logik? Die meisten wandern daraufhin zum Fockmast (8 - 12) ab, für die 0 - 4 bleiben Jolanda und Christine übrig (die trotzdem manchmal mit uns frühstücken, weil doch auch für sie alles vorbereitet war), beim 2. Großmast bleiben Rob und ich eingeteilt. Rob ist 70 und hat einige Male für die Engländer am Cutty Sark Race als Skipper teilgenommen und hat so wie ich nicht vor, sich mit Feuereifer an die Arbeit zu machen, lieber beobachten, was an Bord alles vor sich geht und ob wir ein ordentliches Rennen fahren. Ich möchte die Zeit natürlich auch zum Fotografieren nützen, ich schleppe 3 Kameras mit mir rum, das ist Streß genug!

 

Dienstag, 6. Aug. 02

Schön langsam gewöhne ich mich daran, beim Schlafen jede einzelne Bettfeder auf meinen Knochen zu spüren, vor einem Sedov-Törn sollte man wirklich eine Speckschicht anlegen.

 

Heute geht´s endlich los, wir dürfen nicht mehr von Bord. Es ist bewölkt, den ganzen Tag über regnet es minutenweise, es hat ca. 15 - 20 Grad. Um 9.30 Uhr legen wir ab, wie üblich mit Hilfe von 2 Schleppern und einem Lotsen an Bord. Wenige Menschen stehen am Kai, wir fahren an fast leeren Stränden vorbei in die Bucht vor Santander, um dort gemeinsam mit den anderen Schiffen auf den Start um 16 Uhr zu warten. Leider nehmen nur 11 Klasse A Segler an dieser Etappe des Rennens teil. Antwerpen im Vorjahr hat mir besser gefallen, auch weil Sedov erst später ausgelaufen ist und viele Schiffe an uns vorbei mußten.

 

Infolge des Segelalarms vor dem Start entfällt unser Essen am Nachmittag, die Mannschaft und die Kadetten stört das wahrscheinlich mehr als uns Trainees, die wir endlich "Action" sehen und segeln wollen. Kurz vor 16 Uhr kommt die Nachricht, daß der Start um eine Stunde verschoben wird. Also weiter warten und hoffen, daß das Wetter doch noch freundlicher wird und die Schiffe nicht allzu weit voneinander entfernt sind, ich möchte schöne Fotos machen. Auf der Brücke laufen unsere beiden Kapitäne Mischinjow und Poljakow und mehrere Offiziere auf und ab, schauen immer wieder durch den Peilkompaß, am Ruder stehen 4 Kadetten. An Steuermännern haben wir nur Konstantinowitsch an Bord, die anderen sind im Urlaub. Sedov ist mannschaftsmäßig etwas unterbesetzt, man hat wohl ein paar Leuten zuviel Urlaub gegeben. Aber die Kadetten, so wie sie aussehen, sind schon aus höheren Lehrgängen und kommen hoffentlich auch alleine zurecht.

 

Um 17 Uhr erfolgt der Start bei nicht allzuviel Wind und ein paar verirrten Sonnenstrahlen, Mir zieht wie üblich davon, die anderen folgen. Endlich sind wir unterwegs, alle vorhandenen 29 Segel (beim Besan fehlen das Gaffeltopsegel und 2 Stagsegel) sind gesetzt, ein bißchen mehr Wind würde nicht schaden, damit auch Sedov so richtig in Fahrt kommt, auch Stad Amsterdam fährt an uns vorbei. Tröstlich, daß sie uns in fotografisch günstigem Abstand passiert, auch das Licht paßt halbwegs. Welch schöne Fotos können die Leute auf den anderen Schiffen jetzt von uns machen!

 

Wir fahren Kurs Nordost, der Wind wird abends immer schwächer, 4 Kadetten führen uns in der Abendsonne in die Biskaya. Ich genieße den ruhigen Abend auf See, den ersten seit vielen Monaten. Immer mehr Sterne blitzen vom Himmel, für ein paar Minuten setzt sich John zu mir auf die Back für einen Plausch, er ist jetzt nicht mehr Tischler sondern Oberbootsmann. Dann muß er wieder zu den Kadetten, die am Dach des Doktorhäuschens ein neues Fußpferd anfertigen. Es ist ein schöner Abend, nicht zu kühl zum Sitzen an Deck, langsam (leider) fahren wir durch die Nacht. Angenehm müde krabble ich in meine Koje beim Bullauge und erfreue mich noch am Ausblick auf´s Meer.

 

Mittwoch, 7. Aug. 02

Morgens um 7 Uhr Segelalarm - Kursänderung auf West, ich bin zu müde, um aufzustehen, verschlafe anschließend auch noch das Frühstück. Auf einem russischen Schiff muß man improvisieren können, also gibt´s selbstgekochten Kaffee und Wiener Manner Schnitten für mich auf der Back. Wir haben 3 - 4 Bft. aus NW und etwas Sonne - richtig gemütlich da oben, noch dazu mit grandiosem Ausblick auf die gesetzten Segel.

 

Ab mittag scheint die Sonne vom blauen Himmel, nur der Wind ist ein bißchen zu schwach für uns. Simon nützt das gute Wetter, um uns an Deck die Rettungsanzüge vorzuführen, Sergej zeigt uns, wie man sie richtig anzieht, länger als 2 Minuten sollte man dafür nicht brauchen. Wer will, kann das mal probieren. Ich verzichte, vor einigen Jahren habe ich es ausprobiert, man beginnt ordentlich zu schwitzen und kann sich kaum bewegen. Für jeden an Bord gibt es diese Ausrüstung, ich würde gerne wissen, ob man sie im Ernstfall auch findet bzw. weiß, wer den Schlüssel für den Raum hat, wo sie aufbewahrt werden, aber ich frage lieber nicht nach. Anschließend machen noch 2 Kadetten mit uns eine Führung an Deck und erzählen die Geschichte dieses Schiffes. Mit Unterstützung der "älteren" Trainees klappt das schon ganz gut, nur die Taue werden wie üblich nicht erklärt. Dafür machen Simon und Sergej bei diesem ruhigen Wetter auch gleich Riggeinweisung und klettern mit den Trainees auf 1. und 2. Großmast herum.

 

Kadetten und Mannschaft arbeiten eifrig an neuen Fußpferden, die Sprossen an den Wanten werden teilweise erneuert, die Ruderanlage beim Steuerstand gewartet.

 

Es war kein aufregender, aber ein schöner Tag. Gegen 23 Uhr schaue ich mal in der Navigation vorbei, weil über dem Horizont der breite, orange Lichtstreifen einer Stadt zu sehen ist. Wir stehen (das ist fast wörtlich zu nehmen) ca. 30 Meilen nördlich von Santander, weit sind wir nicht gekommen in den letzten 30 Stunden.

 

Donnerstag, 8. Aug. 02

Um ca. 5 Uhr haben wir den Kurs auf NNO geändert,  der Wind kommt noch immer ungefähr aus NW, genau dorthin sollten wir fahren. Der Wind dürfte seine Richtung laut Vorhersage in den nächsten Tagen auch nicht wesentlich ändern, es stehen uns also noch einige Wenden bevor, die Maschine darf während der Regatta nicht mithelfen. Das ist einer der Gründe, warum ich so gerne bei Rennen mitfahre, man muß segeln. Maschinenlärm hört man natürlich trotzdem, weil die Generatoren für die Stromversorgung laufen, aber alleine der Gedanke, daß dieses große, schwere Schiff nur von der Kraft des Windes angetrieben wird, macht mich immer ein bißchen nachdenklich. Wieviel Macht die Natur hat und wie wenig sorglos die Menschheit manchmal damit umgeht. Segeln ist für mich wie eine Flucht aus einem von Technik angetriebenen Leben, zurück zu einem Leben, das auf die Natur abgestimmt ist und nur gemeinsam mit ihr funktionieren kann. Kein Schiff kann gegen den Wind segeln, es ist schön, daß es etwas gibt, das der Mensch noch nicht nach seinen Vorstellungen ändern kann.

 

Vormittags zieht noch eine kleine Front durch, es wird rund ums Schiff am Horizont etwas nebelig, die Wolken hängen tief, es regnet ein bißchen, der Wind dreht, unsere Rudergänger fahren ihren angegebenen Kurs, die Segel stehen immer mehr back, von der Brücke aus wird das alles ca. eine Stunde beobachtet, dann der Kurs etwas geändert. Gut Ding braucht Weile. Der Wind hat auf 5 - 6 Bft. aufgefrischt, wir fahren kurzzeitig 8 Knoten. Nachmittags wird’s wieder sonnig, der Wind stärker, die Royals werden eingeholt. Spätabends stürmt Dieter in die Kabine und kann sich vor Begeisterung fast nicht beruhigen - wir fahren 16 Knoten! Der Wind hat auf 8 - 9 Bft. zugelegt, bei meinem  Bullauge rauscht´s gewaltig.

 

Freitag, 9. Aug. 02

Um 4.20 Uhr stehen wir auf 46,09 N und 03,57 W (ca. Kreuzpunkt von Breitegrad La Rochelle und Längengrad Santander), Kurs 325 mit 12 kn, Wind 9 m/s aus westlicher Richtung, in 24 Stunden sind wir 124 Meilen gesegelt. Um 9 Uhr sieht die Welt wieder anders aus, Wind 13 m/s (gute 6 Bft.), Kurs ca. Nord, leider nur 5,5 Knoten Fahrt. Wieso kommt dieser Wind nicht aus Osten? Tagsüber ziehen einige Fronten durch, in denen der Wind etwas auffrischt, das Besansegel kommt weg. Am Nachmittag Wende, wir fahren bis ca. 21 Uhr Kurs SSW, danach SW.

 

Da wir nur Konstantinowitsch als Steuermann an Bord haben, der die "Hundewache" geht, steht meist John während seiner Wache beim Ruder neben den Kadetten und paßt auf, daß sie nicht zu hart Ruder legen bei dem doch stärkeren Wind, der auch schon Wellen von ca. 3 Metern aufgebaut hat, damit das Wasser in den Tanks nicht zuviel hin und her schwappt.  Meinen Besuch bei Ruschana muß ich verschieben und auf besseres Wetter warten, sie ist seekrank.

 

Es ist ein grandioses Schauspiel, wie Sedov fast unter Vollzeug dahinzieht, manchmal schwappt eine Welle über Back und Vorschiff und man spürt auch am Hauptdeck die Gischt im Gesicht. Ich bin fast ständig an Deck, finde genug vor Wind und Wasser geschützte Plätze um auf´s Meer und die Segel zu schauen und diese Eindrücke auf mich wirken zu lassen. Nur wenige Trainees "verirren" sich für längere Zeit an Deck. Ich möchte diese Stunden nicht im Lenin-Raum (wo es nicht einmal ein Bullauge gibt) oder in meiner Koje verbringen, solche Tage kann ich nur auf einem größeren Segler richtig genießen, ohne daß ich seekrank oder klatschnaß werde wie auf einer Jacht.

 

Samstag, 10. Aug. 02

Der Tag beginnt wieder um 7 Uhr mit einem Segelalarm, Wende von SW auf NO, alle Segel sind wieder gesetzt, Wind ca. 4 Bft. aus nahezu West, das Wetter ist wieder etwas freundlicher, ab und zu scheint die Sonne. Nach dem Nachmittagstee die nächste Wende, Kurs ca. 260, der Wind hat ein Einsehen mit uns und dreht mehr nach Nord,  wir müssen noch ein Stück mehr nach Westen, um den Wegpunkt nicht zu verfehlen. (Wind aus Süd wäre uns natürlich noch lieber, aber aus dieser Ecke kommt er während des ganzen Törns nicht.)

 

Danach gibt es für die Trainees endlich die langersehnte Führung durch die Innenräume der Sedov, in der Bibliothek herrscht ein bißchen Chaos, 2 der Französinnen bieten an, am nächsten Tag etwas Ordnung zu machen. Einige Bücher und Magazine nehmen wir gleich mit für den Lenin-Raum, da dort kein Lesestoff vorhanden ist. Nach einem Blick in die Kombüse besichtigen wir noch in 4er Gruppen den Maschinenraum, da wir segeln, ist es dort nicht ganz so heiß wie sonst. Im 2. Untergeschoß hängen kleine Fische zum Trocknen, die die Crew während des Törn gefangen hat.

 

Das Essen ist diesmal köstlich, alle Trainees sind überrascht, was aus der Kombüse kommt. Gleich zu Beginn hatten wir gebackenen Fisch, dazu Reis mit Muscheln und Shrimps, die Suppen sind teilweise richtig dick, manchmal denke ich, ich bin am falschen Schiff. Von "russischer" Küche kann man wirklich nicht sprechen.

 

Sonntag, 11. Aug. 02

Frühmorgens kurz vor 5 Uhr Kursänderung auf ca. Nord, um 7 Uhr befinden wir uns auf 46,36 N und 6,25 W, Wind 7 m/s aus ca. West, Geschwindigkeit 7 Knoten, in 24 Stunden haben wir 125 Meilen zurückgelegt. Es ist bewölkt, ab und zu nieselt es wieder, beim Setzen der Nationale auf der Gaffelnock kämpfen am Ende 10 Kadetten. Einer muß hinauf und die Gaffel entlang klettern, um das direkt an der Nock in Ordnung zu bringen. Kein leichter Job, Oleg (Bootsmann vom Fockmast, in dessen Wache diese Aktion fällt) schickt einen Kadetten los, um jemanden mit Fotoapparat zu suchen, der das dokumentieren soll. Bis ich meine Kameras aus der Kabine geholt habe und beim Besan bin, ist die Aktion fast gelaufen, manchmal arbeiten sogar die Russen schnell.

 

Der Wind nimmt zu, die Krängung ebenfalls, nachmittag stehen die Toiletten beim Museum (für die Trainees die einzigen, die beim Maschinenraum sind noch immer gesperrt) unter Wasser - total verstopft, alles ist zurückgekommen. Wir erklären Simon, daß sie nicht durch uns sondern wahrscheinlich schon durch die Besucher in Santander verstopft wurden und es ein paar Tage gedauert hat, bis absolut nichts mehr ging, außerdem haben die Spülungen nicht richtig funktioniert. Er ist überrascht, er hatte angenommen, daß die Toiletten im Hafen abgesperrt waren (dann hätte aber sicher mal einer der Trainees einen Schlüssel von ihm verlangt). Ein paar arme Kadetten werden zum Reparieren eingeteilt, wir benützen die Mannschafts-WCs im Vorschiff, ein paar Stunden später sind die Abflüsse frei und sogar die Spülungen funktionieren wieder. An den Duschen wird noch gearbeitet, dort steht auch alles unter Wasser, am nächsten Tag abends ist auch das bereinigt.

 

Am späten Nachmittag sitzen Johannes, Reinhold und ich bei Konstantinowitsch, um uns zwei Filme vom NDR über die Sedov anzusehen. Gegen 19 Uhr kommt ein seltsamer Alarm über die Lautsprecher, keine Ankündigung eines Segelalarms wie sonst, Konstantinowitsch deutet uns, wir sollen sitzenbleiben und verschwindet. 10 Minuten später ist der Film aus, wir gehen nach oben, die Royalrah am Fockmast hängt total schief, ein halb aufgezogenes, zerrissenes Segel hängt dran, die Rahen sind alle entgegengesetzt gebrasst, die Segel stehen back, am Großmast klettern 2 Bootsmänner mit Tauen. Die anderen Trainees erzählen uns, daß "irgendwas von da oben" heruntergefallen ist und man jetzt versucht, das Segel festzumachen. Wir gehen schnell essen, es ist ohnehin schon etwas spät, als wir wiederkommen, hängt die Rah gerade und das Segel ist aufgetucht. Hätte böse ausgehen können, wenn jemand von einem Teil getroffen wird, das aus fast 60 Meter Höhe herunter kommt.

 

Wir segeln weiter in Richtung des Wegpunktes, hart am Wind, es sieht nicht gut aus für uns, der Wind hat nicht zu unseren Gunsten gedreht, noch eine Wende wollen wir auch nicht machen, lieben ein bißchen zuviel anluven, ein paar Segel stehen schon wieder back. Um ca. 22.30 Uhr passieren wir den Wegpunkt 160 Meter an Backbord statt Steuerbord, laut Auskunft von der Brücke macht das nichts. Wir brassen für Kurs 060 und nähern uns mit der Einfahrt in den englischen Kanal unserem Ziel.

 

Erst an diesem Abend wird mir so richtig bewußt, daß ich tatsächlich durch die Biskaya gesegelt bin und wieder einer meiner Träume wahr geworden ist. Ich war dort, auf einem Schiff, in das ich jetzt noch mehr Vertrauen habe als vorher, vor dessen Größe und seglerischem Potenzial ich eine gewisse Ehrfurcht habe und das mir einmal mehr gezeigt hat, warum es viele Menschen lieben. Bei 6 und mehr Windstärken und 3 Meter Wellen auf einem Kreuzkurs unter Vollzeug zu fahren ist ein einmaliges Erlebnis. Wenn ich den ersten, zweiten Tag an  Bord bin und mich immer ein bißchen über die nicht vorhandene oder chaotische Organisation ärgere, frage ich mich jedesmal, warum ich immer wieder auf dieses Schiff komme. In Momenten wie jetzt finde ich die Antwort und ich weiß auch, daß ich immer zurückkehren werde und bin den Menschen dankbar, die dieses Schiff gebaut haben und ebenso denen, die es am Leben erhalten.

 

Montag, 12. Aug. 02

England empfängt uns mit sonnigem und warmem Wetter, leider wenig Wind, der aber jetzt günstig aus West bläst. Es ist wieder angenehmer zum Arbeiten an Deck, einige neue Fußpferde sind fertig und werden montiert, es wird gestrichen, die Sprossen an den Wanten werden weiter erneuert und Schotwinschen zerlegt und gewartet. Für uns Trainees gab es nicht viel Arbeit während des Törns, ein bißchen Fender knüpfen, Garn für das Umkleiden der Fußpferde von einer Rolle abwickeln, ab und zu steht jemand von uns am Ruder. Wetter und Seegang waren nicht so richtig einladend zum Arbeiten.

 

Um ca. 17 Uhr werden die Stagsegel geborgen, wir segeln einen gemütlichen Vorwindkurs bei 4 Bft., die Küste ist schon den ganzen Tag über deutlich zu sehen. Die Ziellinie befindet sich in 180 Grad vom Leuchtfeuer Ventnor auf der Isle of Wight, wir müssen sie mit max. 5 Meilen Abstand davon passieren. Kein Problem auf diesem Kurs, alle warten den Abend über gespannt auf den Zieleinlauf. Kurz vor Mitternacht (Bordzeit) heißt es dann "all hands on deck", die Vorbereitungen zum Einholen der Segel beginnen. Um 00:00:05 Bordzeit (wir haben die Uhren erst nach Ankuft in Portsmouth um eine Stunde zurückgestellt) fahren wir mit Hilfe des Stroms mit 11 Knoten über die Linie, herrlich. Wir haben uns den 3. Platz in diesem Rennen "ersegelt". Ein paar Minuten später sind die Segel hochgezogen, der Motor ist schon warmgelaufen, wir motoren in freies Seegebiet. Mit ist zum Heulen, ohne Segel sehen wir jämmerlich aus.

 

Dienstag, 13. Aug. 02

Am Morgen wird die englische Gastlandflagge gesetzt, unser Engländer merkt natürlich gleich, daß sie verkehrt hängt. Er marschiert zur Brücke, daraufhin wird sie andersrum nochmal aufgezogen. Rob erklärt uns, daß die falsch gesetzte Flagge ein Notsignal darstellt. (Anmerkung nebenbei: soviel ich weiß, ist die verkehrt herum gesetzte Nationale, nicht die Gastlandflagge, ein Notsignal. Die Österreicher haben mit ihrer Flagge da ein Problem.) Hätte aber vielleicht ohnehin keiner ernstgenommen, auch brennende Tonnen an Bord eines Schiffes gelten als Notsignal und die Flammen aus Sedovs Müllverbrennung am Heck sind manchmal schon sehr deutlich zu sehen (diesmal mußten die Besanschoten mal schnell in Sicherheit vor den Flammen gebracht werden), trotzdem wollte uns nie jemand retten.

 

Den ganzen Tag dümpeln wir herum, die Segel werden ordentlich eingepackt, es wird eifrig Messing geputzt, das sich bis zum Abend wieder verfärbt, gestrichen und Deck geschrubbt. Das kaputte Royal am Fockmast wird mit Hilfe der Winsch auf der Back in die Luke beim Segelmacher abgeseilt, wieder Arbeit für Igor. Zwei weitere Segel an Fock- und Großmast sind ebenfalls an den Nähten ein bißchen gerissen.

 

Nach dem Abendessen versammeln sich einige Crewmitglieder am frischgeschrubbten Achterdeck zum Angeln. Ein Makrelenschwarm zieht vorbei, es ist unglaublich, wieviele Fische in den Kübeln landen. Einige zerlegen den Fang gleich an Ort und Stelle, es sieht aus wie in einer Fischfabrik. Das Deck muß morgen wohl nochmal geschrubbt werden.

 

Mittwoch, 14. Aug. 02

In der Nacht sind wir ein paar Stunden motort, da wir dem Verkehrstrennungsgebiet zu nahe waren. Zum Frühstück bekommen wir Lachs, vielleicht will man uns damit die Laune verbessern, bald ist der Törn zu Ende.

 

Vormittags umkreist uns die Sea Cloud II, Dieter wird zur Brücke gebeten, um mit dem deutschen Kapitän über Funk zu sprechen. Was wollen die bloß von uns? Der Kapitän erkundigt sich, wieviele Mitsegler an Bord sind, wie es uns gefällt, was wir tun, etc. und möchte nur bekanntgeben, daß seine Passagiere vielleicht eine Besichtigungstour mit Beibooten zur Sedov machen werden, man möchte unser Schiff nicht kapern! Am Ende wird doch nichts draus, die Sea Cloud II fährt weiter. Ohne Rigg wäre sie ein schönes Schiff, meiner Ansicht nach paßt die Takelage überhaupt nicht dazu, vor allem, wenn man sie von der Seite sieht.

 

Um 14 Uhr soll der Lotse an Bord kommen, wir fahren um 13 Uhr los, um ihn am vereinbarten Treffpunkt aufzunehmen. Einige größere Frachter und Fähren fahren an uns vorbei, pünktlich kommt der Lotse, es geht Richtung Portsmouth. Ein paar kleinere Schiffe begleiten uns, wir benötigen noch ca. 2 Stunden bis zum Hafen. Bei strahlend schönem, unenglischem Wetter laufen wir ein, vorbei an den anderen Windjammern und machen vor den Marineschiffen am Kai fest. Abends kommt noch die Mir längsseits, die Flotte ist wieder komplett versammelt.

 

Ich bleibe noch ein paar Tage an Bord, der Rummel ist nicht so groß wie in Santander, was ich als sehr angenehm empfinde. Es ist ein guter Ausklang für einen wunderschönen Törn, einen Besuch bei Freunden und Zeit, um in Ruhe bis zum nächsten Mal Abschied zu nehmen.

 

Andrea Neumann