Gedanken über die Reise von Wilhelmshaven nach St. Petersburg,

im Oktober 2005

 

Ein Bericht von Christiane Neukirch

 

Photos Christiane Neukirch

Vorwort

Also, so ein Reisebericht ist gar nicht so einfach zu schreiben, und es war sehr leichtsinnig von mir, einen für Dieters Sedov-Homepage zu versprechen. Denn eine einzige Reise mit der „Sedov“ bringt eine solche Menge von Erlebnissen mit sich, daß sie im Kopf einen großen Papierstau erzeugen, und wenn man sie dann endlich geordnet hat und in den PC entladen will, verursacht die Überfülle der Daten einen Generalabsturz nach dem anderen. Ich bin also gezwungen, mich zu beschränken, so leid es mir tut, und so muß die Welt auf eine dreibändige Sedovreiseweltchronik an dieser Stelle verzichten. Es ist überdies so, daß die würdige alte Dame unerklärliche magische Fähigkeiten besitzt und mit ahnungslosen Neuankömmlingen ihr Spiel treibt. Sie ist nie dieselbe, sie präsentiert sich mit vielen verschiedenen Gesichtern: Sie erzählt jedem, der sich mit ihr auf Fahrt begibt, seine eigenen, persönlichen Geschichten. Ich will hier nun einfach einszweidrei Geschichten hinterlassen, die die „Sedov“ mir auf der Reise von Wilhelmshaven nach Sankt Petersburg von sich erzählt hat; von Leuten, die zum Schiff gehören, und von Schauplätzen, denen wohl jeder, der mitsegelt, selbst begegnet ist oder begegnen wird.

 

1. Chef I

Chef eines Schiffes ist in der Regel der Kapitän: Er ist der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, auf ihn schaut die gesamte Mannschaft. Der Chef der „Sedov“, also der, auf den die Aufmerksamkeit der gesamten Mannschaft gerichtet ist, ist klein und schwarz, hat vier weiße Pfoten, Plüschohren und ist überall und nirgends zugleich. Die Rede ist von Nagir, dem Schiffskater. Nagir zeichnet sich vor allem durch Plötzlichkeit aus: Er ist entweder da oder nicht, Übergangsformen wie „Kommen“ oder „Gehen“ sind nicht in seinem Repertoire. Die Schnelligkeit ist Voraussetzung für seinen Beruf als Schiffskatze; denn sein Dasein besteht vor allem aus Jagen und gejagt werden. Nagir heißt auf deutsch übersetzt „Teufel“, und diesen Namen hat er zu Recht. Seine Lieblingsbeschäftigung ist die Jagd nach allem, was sich bewegt, sehr zum Mißbehagen der Beobachter. Er stürzte sich auf alles, was kleiner war als er. Mangels Ratten, denen er sinnvollerweise als Schiffskatze hätte den Garaus machen können, waren das Vögel, die sich erschöpft von einem langen Flug übers Meer auf dem Deck ausruhen wollten. Die Ruhe währte jedesmal nur kurz, denn es gab keinen Vogel, der Nagirs Aufmerksamkeit entging. An Bord mußte ein neuer Posten vergeben werden, nämlich der des Leichenbestatters. Diesen übernahm aus unserer Gruppe Wolfgang; er nahm täglich bis zu zehn Seebestattungen vor.

 

   

 

Im Gegenzug muß der Kater hinnehmen, daß er selbst Jagdobjekt ist. Als gut aussehender Jüngling erfreut er sich des Ruhmes als meistfotografiertes Besatzungsmitglied der „Sedov“ - Es gibt kaum jemanden an Bord, der sich nicht mit dem Kater auf dem Arm porträtieren ließ; und wenn er sich einmal herabließ zu posieren, konnte er sicher sein, eine ganze Schar von Fotografen auf sich zu ziehen. Vor allem aber greifen, wo immer er auftaucht, Hände nach ihm - Besatzung, Kadetten und Trainees. Einmal halten, einmal streicheln, Nagir läßt es gnädig geschehen und macht sich dann schnell aus dem Staub. Wahrscheinlich hat er sich deshalb auch Udo, den erklärten Katzenhasser aus unserer Gruppe, als Freund ausgesucht. Udo war der einzige, der ungerührt auf seinem Platz an Deck sitzen blieb und in seinem Buch weiter las, während alle anderen sich auf Nagir stürzten. Bis von oben etwas Schweres Schwarzes auf sein Buch sprang, sich dort zusammenrollte und schnurrte. Nach drei Tagen hatte der Kater Udo so weich geschnurrt, daß der sich mehr als einmal zu dem Bekenntnis hinreißen ließ: „Eigentlich mag ich ja Katzen überhaupt nicht, aber dieser Kater...“

 

 

 

2. Chef II

Auf der Rangliste der meistfotografierten Besatzungsmitglieder der „Sedov“ kommt gleich nach dem Kater dessen Besitzer: Konstantinowitsch,Alexander Konstantinowitch Michalov - Steuermann auf der Sedov seines Zeichens Obersteuermann. Da er ein wenig älter ist als sein Kater, nämlich ungefähr, na mindestens oder auch - jedenfalls fährt er seit vierzig Jahren auf der „Sedov“, ist seine Fotogalerie schon etwas größer, und es gibt keinen Bildband über Segelschiffe, in dem sein Porträt nicht zu finden wäre. Kein Wunder: Konstantinowitsch ist die Inkarnation des Bilderbuchseemanns: Ein grauer Bart, verwegen in alle Richtungen verweht, läßt die scharfen Linien seines Gesichts nur erahnen. Seine dicken grauen Brauen sind zu einem wilden Piratenblick arrangiert, mit dem er jeden Segelschiffromantiksucher in seinem Bann zieht. Mit dem Kater hat er gemeinsam, daß er überall und nirgends ist; aber mehr nirgends. Das heißt, es ist selten, daß man ihn während der Fahrt zu sehen bekommt.

 

Anja mit KaterMit Anja, Mitseglerin aus unserer Gruppe, ging ich John besuchen. John, der eigentlich Jewgenij heißt, ist ebenfalls einer der russischen Seeleute. Er fällt nicht nur dadurch auf, daß er sich fleißig in der deutschen Sprache übt, sondern auch dadurch, daß er Schiffsmodelle baut. Die wollten wir uns ansehen. John war offenbar über nachmittäglichen Damenbesuch erfreut, er bat uns sofort in seine Kabine, winkte uns auf eine gepolsterte Bank an der Wand, setzte Tee auf, entnahm seinem Vorratsschrank die besten Kekse und verwickelte uns sofort auf das charmanteste in eine Unterhaltung. Erst Minuten später kam aus der Ecke neben der Bank ein brummendes Geräusch. Ich drehte mich in die Richtung, aus der das Brummen kam. Dort saß in einem Sessel, direkt neben uns, Konstantinowitsch. Er hatte so unbewegt da gesessen, als gehöre er zum Inventar. Er murmelte etwas Russisches in seinen Bart; dann stand er ohne weitere Worte auf. Anscheinend war ihm die Gesellschaft zu viel; jedenfalls verließ er grußlos und ohne sichJohn (Jewgenii) Schiffszimmermann - Bootsmann auf der Sedov umzublicken den Raum. Wir besahen und bewunderten die Schiffsmodelle, die John uns zeigte, während er sichtlich überlegte, was er uns noch bieten könne. Er griff wieder in den Schrank und holte eine CD heraus, die er auflegte - Mozarts „Kleine Nachtmusik“ erfüllte die Kabine mit ihren leichten Tönen und versetzte John in noch beschwingtere Laune. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und Konstantinowitsch erschien mit einer riesigen Mappe unter dem Arm. Er hielt kurz inne, lauschte auf die Musik; dann erhellte sich sein finsterer Piratenblick, und er rief mit hellem Entzücken: „Schubert! Ich liebe Schubert!“ - „Es ist Mozart“, sagte John. - „Nein“, sagte Konstantinowitsch leichthin, „Schuberts Musik ist doch immer wieder die schönste.“ - „Es ist Mozart“, sagte John und hielt Konstantinowitsch die CD-Hülle unter die Nase. „Schubert ist mein Lieblingskomponist“ beharrte Konstantinowitsch unbeiirrt. Er ließ sich wieder in seinen Sessel fallen, schob uns die Mappe auf den Schoß und sah uns erwartungsvoll an. „Das ist mein Fotoalbum“, sagte er stolz, „Vierzig Jahre auf der Sedov“. Wir haben es angeschaut, von vorne bis hinten: Jedes Bild darin hatte die Größe eines DIN-A3-Formats, und zu sehen war überall Konstantinowitsch: Vor dem Ruder, vor Sonnenuntergang, vor Segeln, mit Kadetten, mit Trainees, mit Schauspielern, mit Widmungen, Zeichnungen und Verehrungen aller Art. Konstantinowitsch lehnte zufrieden in seinem Sessel und sah uns beim Anschauen zu. Einige Stunden später kehrten wir zu unserer Gruppe zurück, die uns schon vermißt hatte, wieder um viele Geschichten reicher von Konstantinowitsch und seinen vierzig Jahren auf See.

 

3. Nachtvorstellung

Am schwierigsten ist es, das Schiff selbst zu beschreiben, denn es hat auf mich einen so großen Eindruck hinterlassen, daß ich ganz betrunken davon war; und jetzt stelle ich fest, daß jeder Versuch einer Beschreibung nur ein mattes Abbild darstellen kann. Die erste Merkwürdigkeit an ihr ist zuallererst schon ihre Existenz. Als ich sie am Tag vor der Abreise zu ersten Mal vor mir sah, dachte ich, sie müsse jeden Augenblick vor meinen Augen wieder verschwinden. Es war wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt - eine überlebende Botin der Vergangenheit, aber auch einer Welt, die nur in meiner Vorstellung exisiert hatte. Zu begreifen, daß dieses prachtvolle Schiff und meine Reise mit ihm Wirklichkeit war, brauchte mehrere Tage. Es gab auch dann immer noch genug Momente, die so unwirklich waren, daß sie mir im Nachhinein noch wie ein Traum vorkommen. Das stärkste Erlebnis in dieser Hinsicht war ein nächtliches Schauspiel, das ich von der Fürstenloge aus verfolgen durfte. Eines Abends, als wir Trainees alle schon unter Deck in unserem Aufenthaltsraum beisammen saßen, kam die Meldung, der Wind habe gedreht und der Kapitän werde Segelalarm zum Brassen der Rahen geben lassen. Ich war im Feuerwehrtempo in meine Jacke und Stiefel geschlüpft und eilte nach vorne zum Bugspriet, meinem Lieblingsplatz. Von dort hat man die beste Sicht auf alles, das ganze Schiff liegt wie ein lebendiges Bilderbuch vor einem. Es war dunkel, aber der Mond war noch fast voll, und durch Wolkenfetzen warf sein Licht silberne Flecken auf das Meer rings ums Schiff. Noch lag der Rumpf im Dunkeln. Übers Deck schallte die Klingel und eine Stimme durch die Lautsprecher: Segelalarm, alle Mann an Deck. Das Schauspiel begann: Von hinten nach vorne ging auf Deck ein Licht nach dem anderen an, das Schiff erhob sich als leuchtende Insel aus dem Wasser. Wie Ameisen erschienen aus allen Luken die schwarzen Gestalten der Kadetten und Seeleute. Der Wind hatte um 90 Grad gedreht, also mußten sämtliche Segel entsprechend gebrasst werden. Über Deck hallten Befehle. Dann gingen hinter den Masten die Flutscheinwerfer an. Sechzig Meter hoch leuchtete in orange-gelbem Licht vor mir der Fockmast mit seiner Wand aus Segeln, gespenstisch abgehoben vom silberschwarzen Himmel: Der Fliegende Holländer kann keine vergleichbar eindrucksvolle Erscheinung gewesen sein. Dann wurden die Rahen gebrasst und tausend Quadratmeter Segelfläche setzten sich vor meinen Augen lautlos in Bewegung. Das leuchtende Segeltuch zog vorüber wie von unsichtbaren Kräften bewegt. Hätte ich nicht den kalten Stahl unter meinem Hosenboden sehr deutlich gespürt, wäre ich sicher gewesen, daß es nur ein Traumbild war. Dann war das Manöver vorbei, ein Licht nach dem anderen wurde gelöscht; und alles lag wieder im Dunkeln, als wenn nichts gewesen wäre. Ganz benommen kehrte ich wieder unter Deck zurück. Ich war von dem Erlebnis so berauscht, daß ich die halbe Nacht wach lag. Kein Regisseur dieser Welt hätte ein so großartiges Schauspiel inszenieren können; aber das sind eben die erwähnten magischen Fähigkeiten dieser stählernen Lady.

 

Epilog

Ich habe zehn Tage kein Land gesehen, nur Meer und Himmel und Segel, und ich habe nichts vermißt; auf der Sedov fühlte ich mich rundum wohl und zu Hause. Der heimische Alltag ist darüber ganz fremd geworden, und auch Wochen später bin ich manchmal noch ganz weit weg, auf See.

 

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