Ein Traum wird Wirklichkeit

Als Junge habe ich oft im Bremer Hafen auf der Kaimauer gesessen und den großen Schiffen sehnsüchtig nachgeschaut. Später haben mich die riesigen Windjammer begeistert, wie die Pamir, Passat (1957 gesunken), Gorch Fock und andere. In meiner Wohnung hängt ein großes Bild der Gorch Fock und in meinem Arbeitszimmer steht in einem Regal ein selbstgebasteltes Modell dieses Schiffes. Seit meiner Jugendzeit habe ich davon geträumt, einmal auf so einem Schiff mitfahren zu dürfen. Viele Wünsche und Träume gehen leider nie in Erfüllung - so ist es nun im Leben mal. Man bleibt bescheiden und ich "Landratte" war damit zufrieden, mit meiner kleinen Friendship K 23 auf den belgischen und niederländischen Seen an der Maas herumzuschippern.

Bis meine vier Kinder mir zu meinem 70. Geburtstag eine Riesenüberraschung bereiteten: Sie schenkten mir eine Reise auf der SEDOV von Marseille bis Caen. Wer dieses Schiff war und ist, kann man hinreichend in den Seiten über Windjammer im Internet erfahren. Ich suchte alles, was ich über die SEDOV erfahren konnte, bis ich sie endlich am 27. Oktober 2002 vor mir sah.

Die Sedov beim Einlaufen in Marseille am 27.10.2002

Am Port Commercial von Marseille standen tausende Zuschauer, Zeitungsreporter und Fernsehteams, die die SEDOV erwarteten und ihr Einlaufen mit tosendem Applaus begrüßten. Sie steuerte, von zwei Schleppern gezogen, umringt und begleitet von hunderten von Segelbooten und  -schiffen, in den Hafen, und als sie anlegte, stand ich vor ihr - ganz still und ehrfürchtig. Es war ein majestätischer, gigantischer Anblick. So riesengroß hatte ich sie mir nicht vorgestellt. Ich war total aufgeregt, als ich mich mit meinem Seesack die Gangway hochhangelte, bevor die vielen Besucher das Schiff "enterten". An Bord erwartete mich freundlicherweise Heino von Tettenborn von ADVENTURE SAILING aus 82031 Grünwald, der diesen Törn vermittelt hatte. Iwan Polyakov, der stets hilfsbereite Trainee-Officer hat sich bei den ersten Formalitäten, wie Kabinenzuweisung, Bekannt machen der Örtlichen Gegebenheiten und der Reglements, dankenswerterweise kurz gefasst, denn wir, die Trainees, wollten natürlich erst einmal das Schiff erkunden. Es brauchte übrigens schon ein paar Tage, bis ich mit den Örtlichkeiten, dem Weg zur Toilette und zum Duschraum, zum "Lenin"-Raum, zur Messe, zum SEDOV-Museum usw. vertraut war. Apropos Lenin-Raum! Warum dieser gemütliche und gut ausgestattete Gemeinschaftsraum für die Trainees heute noch den Namen des Organisators der bolschewistischen Revolution und ersten Machthabers der Sowjetunion trägt, bleibt ein russisches Geheimnis. Hier konnten wir Trainees uns jedenfalls zurückziehen, wenn es draußen zu heftig wurde oder wir einfach einen Kaffee, Tee, ein Bier oder sonstiges trinken, etwas lesen, Musik hören oder ein Spiel machen wollten. Den Kadetten war der Zutritt zum Lenin-Raum untersagt. Sie saßen derweil täglich ein paar Stunden in den daneben befindlichen Unterrichtsräumen und lernten. Sogar eine interessante Bibliothek gab es neben dem Lenin-Raum. Trotzdem konnte ich den Augenblick des Ablegens und des Auslaufens aus dem Marseiller Hafen schon gar nicht mehr abwarten. Erst, nachdem die Besichtigungen, die offiziellen Empfänge und der Galaabend der vielen offensichtlich prominente Leute aus Marseille samt großem opulenten Buffet im Saal vorüber waren, sollte es losgehen.

Endlich, in der Nacht zum 29. Oktober verließen wir Marseille und fuhren mit Motorkraft Richtung Süden. Der Wind stand nicht sehr günstig und nur hin und wieder wurden Segel gesetzt, um etwas schneller voran zu kommen. Die 120 Kadetten waren stets beschäftigt. Es wurde ständig etwas geputzt, repariert, geordnet und auch schon mal eine Zigarette geraucht - nur an den dafür bestimmten Plätzen natürlich! Anfangs erschien es mir doch ziemlich beängstigend, wie die Kadetten geschickt und flink in die Rahen kletterten und sich auf den Fußpferden bewegten. Mit jedem Parusnij Avral (Segelalarm) wurden meine Sorgen Bootsmann, Fockmast Oleg Viktorowitsch Schitkjewitschum "meine Kinder", wie ich sie heimlich nannte, immer geringer. Sie sind wirklich hervorragende junge Seeleute, auch wenn das vielleicht nicht immer die Meinung ihrer Offiziere ist, besonders die des strengen und etwas barschen Oleg, von dem seine Kadetten bekundeten: "Oleg is a hard man, but a good man". Der "gute Mann" kam immer dann zum Vorschein, wenn das Manöver geglückt war und er dem einen oder anderen der "Kinder" die Hand auf die Schulter legte und in überraschend freundlichem Ton mit einem versöhnlichen Lächeln ein paar tröstliche Worte sagte, wie ich es oft beobachten konnte. In der anderen Hand hielt er meist sein bunt umhäkeltes Teeglas, das er schon mal irgendwo stehen ließ und dann suchte. Die Mienen der umstehenden Kadetten waren dabei vielsagend. Und er hatte es auch gar nicht gern, wenn die Kamera auf ihn gerichtet war. Aber auch das möchte ich nicht verschweigen: Ich habe selten derart höfliche, freundliche und zuvorkommende junge Männer erlebt, wie diese Kadetten an Bord der SEDOV.

So vergingen Tage und Nächte in erholsamer Ruhe und mit gelegentlichem Parusnij Avral auf dem Mittelmeer, dessen Wasser blau schimmerte wie der leuchtend azurblaue Himmel über uns, entlang der spanischen Küste, die man nur zeitweise in weiter Ferne ausmachen konnte. Die Sonne schien strahlend und die Temperaturen verführten die Mannschaft, mit nacktem Oberkörper auf dem Vor- und Achterdeck zu arbeiten oder einfach da zu liegen. Ich erinnere: Es waren die letzten Oktober- und die ersten Novembertage! Einzig die uns begegnenden oder uns überholenden Frachter und - nicht zu vergessen! - die Delfine, die lange Zeit unser Schiff begleiteten und sich wie übermütige Kinder in den Bugwellen tummelten und offensichtlich gerne filmen ließen, brachten ein wenig Abwechslung. Irgendwann konnte man an Backbord in weiter Ferne Ibiza sehen. Die Ferieninsel erschien uns nur wie eine graue Wolke und war bald verschwunden. Interessanter dagegen waren später die drei Fontänen, die uns an Steuerbord in der Ferne vor der südspanischen Küste auffielen. Alle an Bord hielten Ausschau, um die drei blasenden Wale zu sehen. Leider waren sie zu weit entfernt und ebenfalls bald verschwunden. Am 31. Oktober passierten wir Alicante, das etwa 5 sm (1 Seemeile = 1852 Meter) entfernt gut zu erkennen war. Wir segelten fast mit vollem Zeug. Die "Kinder" hatten fleißig gearbeitet und bis auf Großsegel, Unterbesan, Oberbesan und Besangaffeltopsegel alles gesetzt. Das Schiff krängte stark nach Backbord und flog geradezu durch das schäumende Wasser des Mittelmeeres. Wir genossen dieses großartige Erlebnis mit vollen Zügen und rauchten entspannt in der Raucherecke mit den Kadetten unsere Zigaretten.

Gegen Mittag kam uns etwas entgegen, das aller Aufmerksamkeit erregte. Reinhard Bornemann - "Das Tall Ship-Lexikon" -STS Pogoria im Hafen von Portsmouth - Cutty Sark Race 2002 glaubte die polnische POGORIA zu erkennen. Für die anderen war es ein viel kleineres Se-gelschiff als die SEDOV mit drei sehr hohen Masten. Es war tatsächlich die STS POGORIA, und als sie mit vollen Segeln und achterlichem Wind an uns vorbeizog, grüßte sie ihre große Schwester mit einem dreimaligen, etwas blechernen Signal. Die SEDOV antwortete dreimal mit ihrem tiefen Bass und alle an Bord winkten hinüber. Mit Hilfe meines Fernglases konnte ich sogar den Namen, die weiß-rote Fahne und die Mannschaft an Deck der Pogoria erkennen. Sie winkten ebenso begeistert herüber. Was für ein großartiger Augenblick! Ich gestehe, dass mich diese Begegnung irgendwie seltsam berührt hat.

Am 1. November passierten wir Almeria bei strahlendem Sonnenschein aber leider ohne Wind ziemlich dicht unter Land. Die SEDOV änderte ihren Kurs Richtung West. Dies konnte man am Steuerstand auf der Kursanzeige ablesen, die der Erste Steuermann, Alexander Constantinovich, immer im Auge behielt. Dieser urige, bärtige Seemann mit seinen freundlich blitzenden Augen, der wohl zu den Altmatrose Michailow, Alexander Konstantinowitschältesten Besatzungsmitgliedern der SEDOV zählt und, wie ich erfahren konnte, am längsten auf der SEDOV fährt (26 Jahre?), schien mir fast wie ein Teil von diesem Schiff, das er stets ruhig und souverän steuerte. Dabei hatte ich im Hafen von Marseille, als die Be-sucher das Schiff "überfielen" und an den vielen Souvenirständen an Bord Andenken kauften, ja gar keine Ahnung, wer der alte graubärtige Mann war, der an seinem kleinen Verkaufstischchen hockte und bei russischer Musik Fotos und Ansichtkarten der SEDOV mit seinen eigenen Stempeln versah und zum Kauf anbot. Ebenso wie viele andere Besatzungsmitglieder an ihren Verkaufsständen etwas zur Verbesserung des Budgets der Besatzung beitrugen. Sogar Oleg, den ich später als gestrengen Bootsmann kennen lernen sollte, stand in seinem "Service-Shop" und tat das gleiche im Hafen von Marseille. Den Grund dafür erfuhr ich später während der Reise: Das russische Schiff und die russische Mannschaft verfügen über nur sehr geringe finanzielle Mittel, da sie vom Staat keinerlei Unterstützung erhalten. Sie sind daher auf diesen kleinen "Nebenerwerb" und auf Zuwendungen und Spenden angewiesen. In diesem Zusammenhang sei nachdrücklich auf den "Freundeskreis Schulschiff SEDOV e. V. Emden" hingewiesen, der sich sehr bemüht, diesem großartigen Schiff und seiner hervorragenden Crew die größtmögliche Hilfe zu bieten. Und so kann man nur wünschen, dass noch viele mehr sich dieser Hilfsaktion anschließen!

Gegen 18.30 Uhr entdeckten wir an Steuerbord die südspanische Küste Höhe Malaga und an Backbord die marokkanische Küste. Es war schon dunkel, als das Lichtermeer von Marbella zu uns herüberfunkelte. Von Marokko war nicht viel zu sehen. Um 02.00 Uhr waren wir endlich in der Straße von Gibraltar und konnten an Steuerbord in der Ferne die Silhouette des Felsens und die Lichter von Gibraltar und an Backbord in weiter Ferne die Umrisse der marokkanischen Küste und ein paar Lichter ausmachen. Es ging nur sehr langsam voran gegen die Strömung vom Atlantik. Auf dieser Reise habe ich übrigens meine Vorstellung von den wirklichen Entfernungen auf See korrigieren müssen. Den Abstand zwischen der spanischen Küste und Ibiza hatte ich ebenso unterschätzt wie die Straße von Gibraltar, die ich bislang für eine enge Gasse zwischen der marokkanischen Küste und der Südspitze der Iberischen Halbinsel hielt. Man mag es mir Landratte nachsehen!

Glich die Reise bisher eher einem verspäteten Sommertrip, sollte es sich ändern, als wir den Atlantik am 2. November morgens erreichten. Das Wasser war nicht mehr blau, sondern eher grünlich und der Himmel grau und wolkig. Die Wellen hatten eine andere Form, als die Dünung auf dem Mittelmeer, und die SEDOV stampfte kraftvoll aber viel unruhiger durch die See als in den vergangenen Tagen. Alle hatten alle Hände voll zu tun. Natürlich stand der Wind auch hier und jetzt nicht sehr günstig. Wir segelten westlich der portugiesischen Küste, von der natürlich auch nichts zu sehen war, nach Norden. Jetzt taten mir "meine Kinder" leid, die bei Regen, Wind und zeitweise starker Krängung in die Masten aufsteigen und Segel setzen oder bergen mussten. Rauf und runter, rauf und runter! Dabei lachten sie fröhlich und hatten ihren Spaß - und ich meine Sorge, dass einem etwas dabei passieren könnte.

Unsere Uta Hartmann - "Die Seefeste" - zeigte sich jedoch ziemlich unbeeindruckt, was mich Franz beim Filmen von Mit-Trainees im Mast - Photo Uta Hartmannetwas ruhiger stimmte. Jetzt stieg auch sie nicht mehr in die Masten, wie sie es gerne auf dem Mittelmeer getan hat. Auch in das Klüvernetz wollte sie nicht wieder klettern, weil die Gischt über das ganze Vorschiff schäumte. Mir schien unsere Schieflage dagegen schon etwas bedenklich. Aber eigentlich konnte uns und unserem Schiff ja nichts böses widerfahren, denn schließlich hatte Kapitän Demitriy Polyakov sogar seine Frau und sein kleines Söhnchen (den von allen geliebten "Mini-Käptn") an Bord. Gerard de Gavelle -Der Lord und Franz mit Kamera - Photo Uta Hartmann "Der Lord" - mit seinem tadellosen Oxford-Englisch - etwas extraordinaire für einen Franzosen - ließ das Knotenknüpfen, das ihn die meiste Zeit beschäftigt hatte und stand im Schutz der Kommandobrücke hinter der Rudergang. Antoine Beltra - "Der Schweigsame" - wurde noch stiller. Louis Didier Fenoy - "Der Aktivist" - stieg unerschrocken in die Rahen, zog unermüdlich an den Tauen und war überall zur Stelle, wo es anzupacken galt. Marie Helene Divanac´h - "Die Pariserin" - kroch noch tiefer in ihre gelbe Regenjacke und fotografierte aus einem Plastikbeutel heraus, um ihre Kamera zu schützen. Von ihr habe ich gelernt, meine Videokamera ebenso vor dem über das Deck gehende Wasser zu schützen.

Und Erick Tessier - "Der Klabautermann" - humpelte und stolperte über das Deck, über Taue und Seile, packte hier und da mit an, stellte sich mit fast nacktem Oberkörper an das Steuer und drehte was das Zeug hielt - die übrigen froren bei diesem Anblick! Er reihte sich in die Gruppen der Ka-detten und zog und zog und zog, obschon er mit seiner unfallbedingten Behinderung eigentlich in der Koje hätte liegen sollen, und er lachte laut schallend Stewardess Seliwerstowa Ljubow Georgijewnaund ohrenbetäubend immer und überall, selbst beim Essen in der Messe - was manch einen natürlich störte beim Verzehr der fast immer kalten Speisen. Warum dies aber so sein musste, konnte ich weder von Ljuba, der stets freundlichen, den "Kindern" gegenüber aber durchaus energischen Küchenchefin, noch von sonst jemand erfahren. Natürlich war die Küche ein Stück entfernt vom Speisesaal der Mannschaft und der Trainees, aber meist war nur die Suppe warm, das übrige war immer kalt, wenn es auf die Tische kam. Vielleicht fehlt es auf der SEDOV ja an den notwendigen Einrichtungen zum Warmhalten der Speisen. Sollte dies der Fall sein, ist hier meiner Meinung nach dringend Hilfe geboten. Über die vier Mahlzeiten und die Verpflegung generell konnte man allerdings nicht meckern. Sie war eben den Verhältnissen und Umständen angemessen und erinnerte an die von Jugendherbergen in den fünfziger Jahren. Dass schon mal das Geschirr von den Tischen zu Boden rutschte und vor den Bullaugen der Messe das Wasser brodelte, als wären wir in einem Aquarium, machte uns schon gar nichts mehr aus. Es fehlten nur noch die Fische, die uns von außen erstaunt angeglotzt hätten.

Die Beinamen meiner Mit-Trainees haben sich mir im Laufe unseres Beisammenseins geradezu aufgedrängt, wie man eben in einer zusammengewürfelten Gruppe auf begrenztem Raum an seinen Spitz- oder auch Kosenamen kommt. Ich hoffe, dass man mir diese kleine Ironie verzeiht.  Es war Sonntag, der 3. November, und wir fuhren Nordkurs mit 7,3 Knoten. Nach dem Mittagessen änderte sich etwas. Die Segel wurden gesetzt und für eine kurze Zeit ging es hart am Wind doch ganz gut voran, bis am Nachmittag die Voruntermars und das Focksegel und schließlich alles Zeug wieder eingeholt werden mussten. Es regnete wieder, der Wind kam aus Nord und die See wurde immer unruhiger. Mir taten die Jungens leid, die in Ölzeug in die Rahen klettern und harte Arbeit leisten mussten. Hoher Wellengang ließ das Schiff gewaltig schwanken, so dass wir Trainees in den Lenin-Raum flüchteten. Ein heißer Kaffee tat jetzt gut und die Shanties unserer französischen Trainee-Kameraden lenkten mich ein wenig ab. Gegen 21.00 Uhr waren wir Höhe Lissabon. Die Stadt strahlte in vollem Lichterglanz zu uns herüber. Es hatte eine beruhigende Wirkung, so dicht an Land zu sein. Gerne hätte ich es auf dieser Reise gehabt, wenn wir den einen oder anderen spani-schen oder portugiesischen Hafen angelaufen hätten. Aber es musste weitergehen!

Am 4. November kämpften wir uns gegen den Nordwind und durch zornige See mit 4,2 Knoten bei 1.300 m Wassertiefe nordwärts an der portugiesischen Küste entlang. Sedov unter Vollzeug im Atlantik - Photo Uat HarmannNach einer sehr unruhigen Nacht schien sich etwas zu ändern. Die Schaukelei nahm zwar kein Ende, aber wir kamen am 5. November mit 7 Knoten, 4,6 m/sec Windstärke und bei einer Wassertiefe von 2875 m besser voran. Die Jungens hatten die Segel gesetzt und wir segelten hart am Wind am Cap Finisterre vorüber.

Vor uns lag die Biscaya und wir fuhren mit fast vollen Segeln in die Nacht hinein. Am Morgen des 6. November, das Wecken war wie an jedem Tag um 07.00 Uhr, machten wir mit 11 Knoten bei einer Windstärke von 10,5 m/sec und einer Wassertiefe von 4903 m mit vollen Segeln eine gute Fahrt. Der hohe Wellengang und die starke Gischt über das Vorschiff waren eigentlich ganz lustig, wenn die Krängung nach Steuerbord nicht so stark gewesen wäre. Wir hätten fast die Wasseroberfläche berühren können. Unser Kabinenbullauge sah aus wie ein Aquarium. In der Messe rutschte alles von den Tischen, und es gab ein heilloses Chaos. Es aß sowieso keiner richtig etwas. Gegen 16.30 Uhr kam Sturm auf von NW. Die See tobte, der Himmel verdunkelte sich und ich fühlte mich doch nicht ganz wohl dabei. Das Schiff quälte sich durch die tosende Natur. Am Steuer standen jetzt 6 Mann. Nach einer guten Stunde wurde es doch etwas ruhiger und in den Wolken leuchtete ein Regenbogen, als wollte die Natur sich bei uns entschuldigen. Aber von NW kamen weitere bedrohliche Wolkenberge. Auf Deck konnte man sich fast gar nicht mehr halten und wurde nur noch nass. Die hohen Brecher schlugen über das Vorschiff bis zur Brücke. Ich hatte bisher von Seekrankheit nichts gespürt, aber jetzt wurde es mir doch etwas zu viel. Alles flog durcheinander - liegen lassen! Vor dem Abendessen "Parusnij avral!" "All hands on deck!" Die Jungens mussten in die Rahen und die obersten Segel bergen. Die Wogen stürzten über das ganze Deck, der Sturm peitschte die Leinen und Segel und der Wind heulte wie tausend Teufel. Ich kämpfte mich nach vorne aufs Vorschiff und brüllte gegen den Wind in den Himmel: "Jetzt reicht es! Und dann war es geschafft - Gott sei Dank! - ohne Schaden an Mannschaft und Schiff. Es wurde merklich ruhiger und das Schiff erreichte wieder seine normale Lage.

Absachied von unseren Mit-Trainees vor Douarnenez - Photo Uta HartmannAm 7. November, morgens, wurden die Segel geborgen. "Meine Kinder" mussten die ganze "Wäsche einpacken". Vor uns lag die Bretonische Halbinsel und die Bucht von Douarnenez. Hier galt es Abschied zu nehmen von unseren Trainee-Kameraden/innen Uta, Louis Didier und Antoine. Sie stiegen bei kräftigem Wellengang über die Jakobsleiter auf eine kleine Schaluppe hinunter, die sich, einer Nussschale gleich, durch die Wellenberge kämpfte und in den Wellentälern verschwand, bis sie die Hafeneinfahrt in der Ferne erreichte. Von Bord der SEDOV sah das aus wie eine wahnsinnige Schaukelpartie. Zuvor waren ein paar neue Trainees an Bord der SEDOV gestiegen, überwiegend ältere Leute. Für unsere Schiffsmannschaft, so schien es mir, war das Manöver auf der Reede von Douarnenez wohl kein Kinderspiel. Mir kam es wie ein aufregendes Spektakel vor.

Parusnij Avral -  Segelalarm vor Douarnenez

Schon bald hatten wir die Bucht verlassen und das offene Meer wieder erreicht, um mit Nordkurs um die Bretagne herum in den englischen Kanal, die meist befahrene Seestraße, zu fahren, den wir am 8. November erreichten. Es regnete - wie konnte es anders sein? - und wir segelten mit 11,5 Knoten, 14,5 sm von der französischen Küste entfernt bei +12 o C, 10 m/sec Windstärke und 103 m Wassertiefe Richtung NW. Einer der in Douarnenez zugestiegenen Damen hat der Seegang offensichtlich zu stark zugesetzt und sie wollte "sterben". Ihr Ehemann machte sich große Sorgen. Doch ein paar von meinen Atosil-Tropfen und sie konnte nach einer Stunde sogar wieder an Deck gehen. Ich habe diese Tropfen, die mein Apotheker mir prophylaktisch mitgegeben hatte, auf der ganzen Reise nicht nötig gehabt. Wir brauchten noch einen ganzen Tag, bis wir über den Golf von St. Malo, um das Cap de la Hague und an Cherbourg vorbei in der Seine-Bucht anlangten und auf Caen zuliefen. Natürlich liegt Ansicht der Kathedrale von CainCaen nicht direkt an der See wie man glauben könnte, sondern einige Kilometer landeinwärts. Aber schon an der Einfahrt zu Schleuse standen an diesem 9. November trotz des strömenden Regens hunderte von Zuschauern, die die SEDOV und uns alle an Bord, die wir diesen Empfang genossen, mit Winken und Willkommensrufen begrüßten. Was für ein Gefühl, mit einem solch bewundernswerten Windjammer in einen Hafen einzulaufen! Ich kam mir vor, wie ein kleines Stück dieses Schiffes, als gehörte ich zu ihm. Und ich war stolz darauf! Die Schleuse war gegen 12.30 Uhr überwunden, und zwei Schlepper zogen die SEDOV fast neunzig Minuten den Kanal entlang bis zur großen Brücke von Caen, vor der wir um 14.00 Uhr am Quai de Calix, einem schlichten Industriekai, anlegten und unsere Reise beendeten. Auch hier, wie an der gesamten Strecke, standen Massen von Menschen, die uns zuwinkten und mit Applaus begrüßten.

Schnell war die Gangway herabgelassen und schon strömten die ersten Besucher an Bord. Für die Mannschaft wieder der Augenblick, die Tische aufzubauen und ihre Souvenirs auszulegen, von denen hoffentlich viel gekauft wurde, um die Kasse der SEDOV ein wenig zu füllen, bis sie am 27. November 2002 in St. Petersburg landen würde.

Am Abend kamen viele, vermutlich offizielle und prominente Gäste an Bord, die im Saal bei Champagner und großem Menu kräftig feierten. Für uns Trainees galt es jetzt endgültig Abschied zu nehmen. Von Iwan, dem Trainee-Officer erhielt ich ein von seinem Bruder und Kapitän unterzeichnetes Certificate, mit dem mir bescheinigt wird, dass ich als Trainee auf der Welt größtem Sailing Training Ship "SEDOV" die Reise Marseille-Caen bestanden habe und nun als wirklicher Seemann gelte. Segelmacher Jewdokimow, Igor Grigorjewitsch

Von Igor Jefdokimov, dem Segelmacher, der die meiste Zeit in seiner Segelkammer arbeitete, bekam ich eine wunderschöne, mir persönlich gewidmete Karte, auf der die gesamte Route von Marseille bis Caen mit Zeiten, Windrichtungen und -stärken, Phasen von Motor- und Segelfahrten und der Gesamtstrecke von 2025 Meilen, davon 871,4 Meilen unter Segel, eingezeichnet ist.

Als die Gäste spätnachts von Bord gingen, spazierte ich an Land, um aus einiger Entfernung die ganze, große, beleuchtete SEDOV anzuschauen und ein letztes mal zu filmen, und ich sagte ihr: "Ich danke Dir, Du alte Dame, Du starkes, tüchtiges, treues Schiff, dass Du uns sicher an unser Ziel gebracht hast, und ich wünsche Dir noch lange allzeit gute Fahrt ohne Schaden für Dich und Deine Mannschaft!"

Am 10. November, morgens, ging ich mit meinem Seesack von Bord. In diesem abgelegenen Hafenteil gab es weit und breit kein Telefon und keine Möglichkeit ein Taxi zu finden. Zum Glück kamen zwei französische Kollegen mit ihrem Streifenwagen, um die SEDOV anzuschauen. Auf meine Frage, wo ich ein Taxi kriegen könnte, um zum Bahnhof zu kommen, erklärten sie sich freundlicherweise bereit, mich dorthin zu bringen.

An der Reling standen die Kadetten und Offiziere, winkten mir zum Abschied zu und riefen: "Do swidanija!" Auf Wiedersehen! Vielleicht im August 2003 in Rostock?

Rostock Panorama

Eine Stunde später saß ich im Zug nach Paris und träumte - von einem Traum, der Wirklichkeit geworden ist.

(Die Bleistiftzeichnungen der Besatzungsmitglieder sind von Peter Müller aus Kolkwitz)

Sedov vor Douarnenez