Mein SEDOV - TÖRN von ANTWERPEN nach ALESUND
Cutty Sark Race 1 - 2001
von Andrea Neumann aus Wien
Wieder daheim in Wien, einer Stadt, die so viele Touristen anlockt, sitze ich in meinen " 4 Wänden" und bin trotz zweier anstrengender Arbeitswochen noch immer in Gedanken fast 1000 Meilen weit weg. Irgendwo hoch im Norden, mitten in der Nordsee, wo mir der Wind um die Ohren pfeift, mich abends die Wellen in den Schlaf schaukeln und die Kälte versucht, mit mir unter meiner Decke zu liegen, aber mich tagsüber auch die Sonne ein bisschen wärmt und ein schönes Schiff seine Schwingen ausbreitet um mit mir übers Meer zu fliegen.
Vor zehn Jahren hat mich mein Interesse für die Seefahrt auf die "Sedov" geführt, beim ersten Törn von Travemünde rund Bornholm nach Kiel stand für mich fest, dass weitere Reisen folgen müssten. Ich gebe zu, dass ich schon zwei Seitensprünge mit "Khersones" und "Mir" gewagt habe, nebenbei auch noch auf Yachten segle, aber doch "Sedov" die Treue halte und hoffentlich noch viele schöne Törns mit diesem Schiff segeln kann.
In Antwerpen an unser Schiff heranzukommen ist gar nicht so einfach, der nette Taxifahrer versucht alles mögliche, um durch die Absperrungen zu kommen, am Ende müssen meine Mutter und ich doch unser Gepäck ein schönes Stück schleppen. Endlich am Schiff, will uns Traineebetreuer Dimitri unbedingt im Raum 3 unterbringen, wir schummeln uns trotzdem in unseren Raum 5 - in die heimatlichen Kojen, die Thoralf bereits für uns reserviert hat, wo es auch Strom für die mitgebrachte Kaffeemaschine gibt. Kaffee am Morgen ist für uns lebenswichtig!
Dem Trubel am Schiff entgehen wir durch Sightseeing, leider spielt das Wetter nicht ganz mit, zwischendurch regnet es immer wieder und ich bin auch gar nicht in der richtigen Stimmung für einen Stadtbummel (eigentlich schade, denn Antwerpen ist ein schönes Städtchen), ich möchte endlich hinaus aufs Meer, weg von den Menschenmassen, dorthin, wo der beste Platz für ein Schiff ist. Ich erinnere mich so gerne an einen Spruch, den ich einmal gelesen habe, in dem ein kroatisches Fischerboot zu seinem Kapitän spricht. "Bewahre du mich vor dem Land, dann beschütze ich dich vor der See." Also hinaus in die Nordsee, irgendwohin, "der Weg ist das Ziel". Seit ich segeln gehe habe ich das Gefühl, diese Worte zu verstehen, sie decken sich mit meinem Gefühl.
Sonntag, 8. Juli 2001:
Kurz nach 17 Uhr legen wir endlich ab, es ist bewölkt, später
kommt wieder der Regen, viele Menschen stehen am Kai, um die Windjammer zu
verabschieden. Wie schön ist es doch, auf der anderen Seite zu sein.
Ich habe
bei meinen Reisen noch nie Heimweh verspürt und bin schon jetzt traurig, dass
auch dieser Törn viel zu schnell zu Ende gehen wird. Was sollte mich auch nach
Hause ziehen? Am ehesten noch der Gedanke an die nächste Reise gemeinsam mit
meinem Freund, aber der ist ebenso lieber unterwegs als daheim und daher auch
nicht das richtige Mittel, mein Fernweh zu stillen.
Ich gehe gegen 22.30 Uhr schlafen, draußen gibt es nicht mehr viel zu sehen, die Fahrt von Antwerpen zur Nordsee ist im Sonnenschein sicher schöner. Um ca. 23.00 Uhr spüre ich ein Vibrieren, der Anker fällt. Wie angenehm, dass sich diesmal andere darum kümmern müssen, dass er ordentlich hält.
Montag, 9. Juli 2001:
Kurz vor 10 Uhr Anker auf, es ist noch immer bewölkt, wie soll ich bei diesem Wetter schöne Fotos vom Start machen? Wird Sedov wieder so einen guten Start schaffen wie 1995 in Edinburgh? Wie schnell man doch an Bord die Probleme daheim vergisst, mir ist ziemlich egal, wie viel Arbeit sich in den nächsten 2 Wochen im Büro anhäufen wird und dass ich nicht wissen werde, wer wo auf der Welt gewaltsam versucht, seine Ziele zu erreichen. Das Wetter und das Schiff sind wichtig, in den nächsten Tagen wird mein Kopf angenehm klar, entstaubt von so viel, von dem ich glaubte, es sei wichtig. Wahrscheinlich ist es das, was andere Menschen "Entspannung" oder "Abschalten" nennen, hier gelingt mir das vortrefflich.
Um 11 Uhr fällt der Startschuss, vier Minuten später segeln
wir über die Linie, ein herrliches Bild von unzähligen Windjammern im
Sonnenschein erfreut nicht nur meine Augen.
Statsraad Lehmkuhl
ist zu früh
gestartet, sie muss wieder zurück und noch einmal starten. Die anderen Schiffe
teilen sich in verschiedene Gruppen, die einen fahren einen direkten Kurs
Richtung Norwegen, einige wie die Sedov Richtung englischer Küste, da dort
vielleicht mit etwas mehr Wind zu rechnen ist. In den nächsten Tagen zeigt sich,
dass diese Entscheidung nicht die beste war, das Wetter ist zwar nicht schön,
aber viel Wind gibt es auch nicht.
Für uns Trainees hat nun die Zeit begonnen, in der auch wir in den Bordbetrieb und die Wachen eingegliedert werden sollen. Was bei meinen ersten Törns auf Sedov noch von allen ernst genommen wurde (ich erinnere mich so gerne an Mischa vom Großmast, der uns immer mit einem freundlichen "deutsch Kadett - little Arbeit" Putztücher, Pinsel, etc. in die Hand gedrückt hat) kommt mir heuer sowohl von der Einstellung der Mannschaft zu den Trainees als auch von deren Auffassung ein bisschen wie ein notwendiges Übel vor. Wir dürfen uns aussuchen, bei welcher Wache wir eingeteilt werden, einer der 3 russischen Traineebetreuer, die leider nur russisch und englisch sprechen, erzählt uns von den notwendigen Arbeiten auf so einem Schiff, erwähnt aber auch gleich, dass wir den Großteil der Crew wahrscheinlich selten zu Gesicht bekommen werden, weil alle irgendwo arbeiten und die Kadetten untertags zusätzlich Schulbetrieb haben. Zur "Unterhaltung" der Trainees gäbe es den Leninraum und einen Pingpong-Tisch im Kinosaal (der auch manchmal als Unterrichtsraum genützt wird), außer noch Schiff, Meer und Himmel könne er uns leider nichts bieten. Bei Fragen oder Problemen sollen wir auf die Brücke kommen, da die Betreuer hauptberuflich Navigatoren sind.
Ich habe mich für die Wache am Fockmast (8 - 12, 20 - 24 Uhr) entschieden, die Wache von 12 - 4 und 24 - 4 Uhr habe ich schon einige Male - am Beginn wirklich - genossen. Wir fahren Kurs Nordwest bis Nord, Richtung England. Bei der abendlichen Wache fragt unser Bootsmann Oleg unsere Gruppe, was wir Trainees arbeiten wollen. Wir haben Thoralf als Dolmetsch, der mir während unseres Törns wie der eigentliche Traineebetreuer vorkommt, und entscheiden uns für Tausendfüßler (was sollen wir sonst tun, die meisten wachhabenden Kadetten an Deck stehen herum und warten, dass die Wache zu Ende geht, ich frage mich immer wieder, warum sie wirklich bis Mitternacht sinnlos herumstehen müssen).
Die "alten" Trainees zeigen den neuen, wie man Tausenfüßler macht, ein Kadett erklärt uns, wir müssen statt einem Faden drei nehmen. Kommt mir komisch vor, aber bitte, nehmen wir 3, wer weiß, wofür sie es brauchen. Das Donnerwetter von Oleg kommt am Ende der Wache, er schneidet unsere Werke einfach durch und will wissen, wer auf die Idee gekommen ist, 3 Fäden zu nehmen. Wir haben somit wieder Arbeit für die nächste Wache.
Dienstag, 10. Juli 2001:
Es ist total bewölkt, Wind ca. 4 Bft, wir fahren die englische Küste in ca. 50 Meilen Abstand entlang, seit gestern 8 Uhr haben wir ein Etmal von 169 Seemeilen zurückgelegt.
Einige aus unserer Wache wollen auch mal an´s Ruder, wir müssen zu fünft antreten, was mich etwas verwundert, wollen die wirklich nur Trainees steuern lassen? Während des Rennens??? Ja! Als "Kontrolle" bekommen wir einen Kadetten zugeteilt, außer uns ist niemand für die 4 Stunden vorgesehen. Am Beginn steht Hilda links vorne und hat den Kompass im Auge. Sie hat noch nie ein Schiff gesteuert und wir kurbeln wie wahnsinnig, abwechselnd 20 Grad nach jeder Seite. Eine Yacht reagiert bei jeder Veränderung des Ruders ziemlich prompt, bei einem Schiff wie Sedov dauert das ein bisschen und wenn sie zu drehen beginnt, hört sie auch nicht sofort damit auf, wenn man Gegenruder gibt. Nach ca. 20 Minuten hat dieser Spuk ein Ende, jemand anderer geht nach vorne, der ein bisschen mehr Geduld hat, ich bin dankbar, dass bald einer kommt, der auch mal steuern will und mich ablöst. Am nächsten Tag mache ich noch einen Versuch am Ruder, nach einer Stunde schmerzen die untrainierten Arme schon ein bisschen und ich stelle wieder einmal fest, dass ich doch lieber alleine am Steuer eines kleineren Schiffes stehe.
Trainees sollen auch das Schiff kennen lernen, also werden 2 Kadetten als Führer abgestellt, die uns einiges zeigen und erklären sollen. Es beginnt mit einem Überblick über die Geschichte von Sedov, dann geht´s Richtung Bug mit Back und Fockmast. Die Erklärungen kann man nicht als solche bezeichnen, dass vorne eine Glocke hängt und die Taue zum Setzen und Bergen der Segel verwendet werden, sieht jeder. Die Unterrichtsräume der Kadetten sind abgeschlossen, einen Schlüssel hat unser Führer nicht. Schnell noch einen Blick in die Küche, den Maschinenraum erspare ich mir, ich war zweimal in dieser höllisch lauten Sauna, die über mehrere Stockwerke geht. Thoralf wird zum Ansprechpartner für die wirklich Interessierten, er war schon einige Male auf Sedov und ist auch bei den Segelmanövern immer eifrig dabei.
Irgendwann gibt es noch eine Einweisung für die, die klettern
möchten, da aber keine Ankündigungen über Lautsprecher kommen und ich eher
selten im Leninraum zu Gast bin, bekomme ich das nicht mit. Da Thoralf
uns
erzählt, dass er mit einigen Leuten hinaufklettern wird, weil man ihn darum
gebeten hat, nehme ich an, dass auch diese "Führung" ein bisschen
danebengegangen ist.
Um 17 Uhr liegen wir am 6. Platz, der Wind ist für Sedov etwas zu schwach. Gegen Abend wird der Himmel um uns immer schwärzer, bei Wachantritt meint Oleg, dass es ohnehin gleich regnen wird, vielleicht kommt auch ein Gewitter und viel Wind, die Trainees haben frei. Ist mir auch recht, ich beobachte den Himmel und denke an die gute alte Wetterregel: Wind vor Regen: kannst beruhigt dich schlafen legen, Regen vor Wind: zurre alles fest geschwind. Und dann ist er auf einmal da, der Wind, in Form einer gewaltigen Bö, die die unteren Segel mit viel Lärm killen lässt. Irgendwie ist es schön, diese Naturgewalt zu beobachten, Sedov beschleunigt auf über 14 Knoten, ich hoffe nur, dass die Segel alles ohne Schaden überstehen. Wind vor Regen - ein paar Minuten später lässt der Wind wieder nach und es beginnt leicht zu regnen.
Die nächsten Tage:
Wir fahren beständig unseren Kurs nordwärts, die Tage verlaufen ruhig, ich genieße die Aussicht auf die Nordsee, die zahlreichen Bohrinseln stören ein bisschen mein Bild von der unendlichen Weite und Einsamkeit des Meeres. Es ist unheimlich beruhigend, das Spiel der Wellen zu beobachten, ich könnte stundenlang zusehen, ohne dass mir langweilig wird. Die 10 belgischen Trainees beklagen sich bei ihrem Veranstalter, der mitgefahren ist, weil er einmal wissen wollte, wie es bei Windjammertörns zugeht, dass sie zuwenig beschäftigt werden. Sie ziehen sich zu Kaffee und Bier in den Leninraum zurück, wenn man Kaffee trinken möchte, muss man erst einmal versuchen, im überfüllten Abwaschbecken eine Tasse zu reinigen. Das ist nicht meine Welt, ich bin das ganze restliche Jahr in vier Wänden "eingesperrt", ich muss mir den Wind um die Nase wehen lassen und die ab und zu doch scheinende Sonne genießen. Abends warte ich auf einen schönen Sonnenuntergang, am Samstag ist es endlich soweit, das Licht ist wunderschön, der Fotoapparat vorbereitet - genau jetzt kommt nach langer Zeit endlich ein Segelalarm! Das ganze Deck ist voll mit Menschen, Taue überall, kann man einen Sonnenuntergang anhalten? Als Seglerin habe ich natürlich Verständnis dafür, dass man ab und zu den Kurs ändern oder die Segel trimmen muss, aber doch nicht gerade jetzt! Tagelang hätten wir Zeit dazu gehabt! Außer 2 Wenden Donnerstag abends und in der Nacht auf Freitag tat sich nichts Aufregendes. Es ist wie beim Fernsehprogramm - entweder überall Schmarren oder auf 2 Sendern Interessantes. Letztendlich schaffe ich doch noch ein paar schöne Fotos, meine Welt ist wieder in Ordnung.
Unsere Wachen vergehen so nebenbei mit nicht allzu viel Arbeit, ein bisschen Zöpfeflechten, Michaela und Heike nähen Matten, die Zeit der warmen Duschen fällt genau in unsere Abendwache. Wie gut, dass die Sonne hier oben erst nach 23 Uhr untergeht, so gibt es wenigstens keinen Stress zwischen Duschen und schönem Sonnenuntergang, der aber ohnehin viel zu selten stattfand. Ich denke immer wieder an den Törn im Jahr 1991 zurück, damals gab es nur kaltes Wasser zum Waschen und einmal die Möglichkeit, dass von 50 Trainees 10 warm duschen konnten. Die Dusche war vorne bei der Mannschaft, in einem winzigen Kämmerchen hing windschief eine (!) verrostete Brause, aus der abwechselnd heißes und kaltes Wasser kam. Ich habe damals gerne auf diese "Annehmlichkeit" verzichtet. Seit einigen Jahren ist tägliches warmes Duschen für die Trainees (auf See) möglich, in einem Raum sind mehrere Brausen, ich nütze dieses Angebot auch gerne, um mich einfach nur nach einem kalten Tag wieder ein bisschen aufzuwärmen. Ich beneide immer die männlichen Trainees um ihren schönen Waschraum, wo das Wasser nie ganz so eiskalt ist wie bei der einzigen Damentoilette, die auch mit ihrem winzigen Waschbecken nicht unbedingt einladend zum Waschen ist. Ich habe allerdings keine Probleme damit, den Herrenwaschraum zu benützen, manchmal sehr zum Schrecken des anderen Geschlechts.
Was ich diesmal als absolut nicht in Ordnung befunden habe war das Sauberhalten der Traineeunterkünfte und Waschräume/Toiletten. Wenn es schon niemanden von Schiffsseite her gibt, der zum Putzen abkommandiert wird, sollte man wenigstens Kübel und Putzlappen in den Kabinen deponieren, damit die Trainees selbst putzen können. Mit Toilettenpapier geht´s zwar auch, ist allerdings etwas mühsamer (überhaupt ohne Putzmittel). Man lernt bei jedem Törn dazu, nächstes mal werden auch diese Dinge eingepackt. Nach einigen Törns auf einem russischen Schiff nimmt man manches einfach hin, über das man sich normalerweise ärgern müsste oder sich zumindest darüber beschweren sollte. Die Frage ist nur: bei wem? Ich kenne dieses Spiel leider nur zu gut, du wirst von einem zum anderen geschickt und jeder sagt dir, dass er dafür nicht zuständig ist und am Ende bist du wieder dort, wo du angefangen hast.
Der Samstag ist der schlimmste Tag auf der ganzen Reise,
Sedov dümpelt ein paar Meilen vor der norwegischen Küste in der Nähe von Florö.
Johannes erzählt uns von einem Buch über die Geschichte von verschiedenen
Schiffen, er hat darin oft gelesen "gesunken vor Florö", Klippen gibt es hier
genug. Ist so richtig aufbauend, wenn man in der Dünung ohne Wind dahintreibt.
Bis Sonntag 9 Uhr beträgt unser Etmal 36 Seemeilen, und das während einer
Regatta. Es tut weh, Sedov so hilflos mit leeren Segeln zu sehen. Dieses Schiff
hat schon so viele Stürme überstanden, wieso kommt nicht wenigstens ein bisschen
Wind auf, dass wir von dieser Küste wegkommen. Seit wir beim Segeln in der
Türkei mit einer Yacht auf Legerwall geraten sind, der Motor nicht angesprungen
ist und ich schon um Hilfe gefunkt habe, die dann auch in Form einer
vorbeifahrenden Yacht,
die uns abgeschleppt hat gekommen ist, habe ich in
solchen Situationen immer ein mulmiges Gefühl. Die Insel mit dem Leuchtturm, den
wir einen Tag lang in den unterschiedlichsten Lichtstimmungen sehen können,
beruhigt mich jetzt ein wenig.
Am späten Abend kommt etwas Wind, wir erreichen Montag um ca. 20 Uhr die Ziellinie (wann genau konnte man uns auch auf der Brücke nicht sagen), nachdem wir an diesem Tag schön gekreuzt und einige Wenden gefahren sind. Bis auf die Fock, die Marssegel, und einige Stagsegel werden die Segel eingeholt, wir fahren weg von der Küste, am Dienstag wieder zurück, abends werden bei ca. 6 - 7 Windstärken (ich will es gar nicht sehen, so schönen Wind hatten wir während der ganzen Regatta nicht) die restlichen Segel geborgen, wir treiben die ganze Nacht.
Ich habe immer das Bedürfnis, mich von meinem Schiff noch draußen am Meer zu verabschieden, mich an die vergangenen Tage in Ruhe zu erinnern, der Abschied im Hafen mit vielen Besuchern an Bord ist mir ein Gräuel. Auch wenn heuer einiges noch chaotischer als sonst abgelaufen ist und wir Trainees manchmal das Gefühl hatten, dass man in uns wirklich nur mehr zahlende Passagiere sieht und nicht Menschen, die ein bisschen ihres Herzens an dieses Schiff verloren haben und interessiert sind, wie das Leben auf See abläuft, war es eine schöne Zeit an Bord.
In den zehn Jahren seit meinem ersten Törn hat sich vieles verändert, ich sollte nicht zuviel darüber nachdenken, das macht mich nur traurig. Die Menschen an Bord, sei es jetzt Crew oder Trainees, sind anders geworden. Es ist nichts Neues mehr, dass Passagiere mitfahren dürfen, das Interesse, mit Leuten aus anderen, westlichen Ländern in Kontakt zu kommen, ist bei Mannschaft und Kadetten kleiner geworden, weil es mittlerweile seit vielen Jahren zum Alltag gehört. Was die Trainees betrifft muss ich zugeben, dass manche von ihnen auf diesem Schiff nicht das finden, was sie sich erwarten. Kreuzfahrer-Atmosphäre, "Animation", Captain´s Dinner oder einfach nur ein Frühstücksbüffet haben Gott sei Dank noch nicht Einzug gehalten. Wobei nicht unerwähnt bleiben soll, dass das Essen im Vergleich zu früheren Jahren um Klassen besser ist. Sedov selbst ist die gleiche geblieben. Eine schöne alte Dame mit einer Ausstrahlung, die ich noch auf keinem anderen Schiff gespürt habe und die hoffentlich nicht durch "Modernisierungsmaßnahmen" kaputtgemacht wird.
Mittwoch, 18. Juli 2001:
Am Morgen kommt der Loste, wir fahren das letzte Stück hinein
in den gut geschützten Hafen von Alesund. Viele Schiffe liegen schon hier, ein
bisschen kämpft sich die Sonne durch, was mich auch nicht so richtig tröstet.

Wir bleiben noch bis Sonntag, schauen uns die Stadt und ein bisschen die Umgebung an, die mich an unsere Berge in Österreich mit den eingebetteten Seen erinnert, nur dass die Seen größer sind, Fjorde heißen und Richtung Meer führen. Die Parade am Samstag lassen wir uns natürlich nicht entgehen, wir marschieren ein Stück den Aussichtsberg Fjellstua hinauf und genießen diesen schönen Anblick.
Die meisten Schiffe verlassen Alesund anschließend an die Parade, Sedov und Mir kommen zurück, um die Tagesgäste abzusetzen und werden erst Sonntag morgen auslaufen. Die Gerüchte um den tatsächlichen Termin haben uns veranlasst, Samstag in ein Hotel zu übersiedeln, wir wollen weder unfreiwillig die nächste Strecke mitfahren noch auf der Straße schlafen. Von unserem Fenster aus sehen wir das oberste Stück vom Fockmast. Sonntag morgen ist er noch da, wir marschieren zum Hafen, um 9 Uhr soll Sedov ablegen. Es regnet, außer uns sind nur ein paar Leute unterwegs, Mir liegt auch noch da. Ein trauriges Bild, wenn man es gewöhnt ist, dass oft Menschenmassen am Kai stehen und diese Schiffe verabschieden. Die Schlepper kommen, die Leinen werden losgemacht, die Vorspring bleibt über, kein Hafenarbeiter weit und breit. Auf die Bitte von Oleg werfe ich die Leine los, gebe meinem Schiff die Freiheit, damit Sedov wieder dorthin zurückkehren kann, wo sie hingehört:
auf ´s Meer.