15. August
Was sagen meine Tagebuchnotizen zu diesem Tag? Kurs weiter SSW, direkt nach
Southend. Wir fahren weiter mit Motor,
aber um 9:00 Uhr heißt es Zwischenstagsegel und Klüver setzen und die gelaschten
Rahen nur umbrassen. So kann das Schiff mit Stagsegeln höher an den Wind gehen
und den Motor unterstützen. Es ist neblig, Wind 4 schätze ich, wir machen 10 Knoten über Grund sagt der Speedanzeiger
am Ruderstand. Im Leninraum unten wird Kaffee gebraut oder Tee gekocht. Es ist
gemütlich warm. Ich spiele Shanties im Kassettendeck. Wir klönen und lassen es
uns wohl sein. Da laufen unsere Fernsehleute herein, die schon richtig zu uns
gehören und filmen Meinungen zur Stimmungslage der Leute. Auf ihren Wunsch organisiere ich durch
offizielles Heranzitieren von Schenja (John) und Alexander Konstatinowitsch
durch Dimitri Rajew (Dima) per Telefon (was mir leid tut in dieser Weise) eine
Knotenvorführschau an Deck nur fürs Fernsehen. Wie sich beide Akteure bei
diesem Soforteinsatz wohl fühlen, nach dem sie mich gestern haben sitzen
lassen? Ich erkläre ihnen russisch leise die Lage und sie machen mit. „John“
übersetzt, was Alexander Konstatinowitsch erklärt, während der demonstriert. Zum Üben kommt keiner, eben
eine reine TV-Show. Es sind auch nicht genug Tampen da. Vielleicht später und
dabei bleibt es. Zu Mittag kommt doch die Sonne durch. Herrlich!
Das norwegische Ölfeld ist lange achteraus und die offene Nordsee erreicht.
Kaum Schiffsverkehr in dieser Ecke. Die Schratsegel ziehen gut und ich
organisiere eine Brückenführung für alle, die auch mit Interesse aufgenommen
wird. Die Brückenkadetten bekommen wegen der vielen englischen Fragen unserer Trainees richtig rote Ohren. Sie antworten englisch exakt, wie man allgemein
bewundernd feststellt.
Ute hat am späten Nachmittag die
Schiffsführung zu etwas Geheimen bezirzt. Als das Klingelsignal ertönt wissen wir: „Feuer im Schiff!“ Aus der Segellast vor der Back steigt
dicker Qualm! Im Rettungsanzug mit Schutzmaske begibt sich ein Schlauchführer
runter zum Brandherd, mit Rückenatemgerät ausgerüstet. Der imitierte Brandherd
wird gelöscht und dann an Deck als alter Eimer mit Persenningresten enttarnt.
Entwarnung! Zuschauer gab es genug. Was wäre wohl los, im Ernstfall? Dann zu
19:30 Uhr, gleich nach dem Essen, Segelalarm. Alles, bis auf die Royals
(Bombramsegel auf russisch) wird gesetzt. Mit Eifer sind alle Trainees dabei.
Die Kadetten entern flink wie die Ameisen auf und legen auf die Fußpferde aus.
Von uns ist niemand dabei. Also Zeisinge los und das Tuch von der Rah gestoßen,
Schoten anholen, Geitaue und Gordinge lockern, noch etwas Nachbrassen,
fertig!
210° liegen als Kurs an. Ich hole mir Kurs und Position aus dem Kartenhaus und
gebe es bekannt. Abends soll noch ein Kadettenkonzert im großen Kultursaal sein
und es ist tatsächlich so. Sie singen zur Gitarre, etwa 10 Leute, alle
Strophen ihrer Lieder. Danach improvisiert einer lange gekonnt am Klavier. Es
hört sich nach Rachmaninow an. Ich werde ihn nachher fragen, denke ich. Man
kommt ins Träumen beim Zuhören und Genießen. Ein russischer Seekadett, auf russ. Segelschiff mit russ. Improvisationen, ein schöner Abendausklang! Der
Beifall ist reichlich, der Künstler bescheiden. Still gehen alle nach oben.
Draußen hatten unsere Romantiker noch einen kontrastreichen Sonnenuntergang.
Was will man noch? Etwas Plausch noch von Koje zu Koje nach dem Duschen und weg
zu Morpheus!
16. August
Was ist los? Mitten in der Nacht scheint uns eine kurze Durchsage etwas
monoton mitzuteilen! Ich weiß, es kann nur Segelmanöver sein. Die meisten
ignorieren diese sonore Ankündigung, als tatsächlich nach den gesagten 10 Minnuten
Vorbereitungszeit die Glocken schrillen. Es ist 3:00 Uhr morgens. Also
vorbildlich und schnellstens in die Arbeitsschuhe, Handschuhe schnappen und
zum Fockmast, meinem Platz, eilen. Die Fernsehleute sind schon da, müssen etwas
gerochen haben. Sie halten voll drauf mit ihrer Kameralampe, während ich mit den anderen fürchterlich an den handgelenkdicken Brassen reiße. Die
Untersegel schlagen wie wild und werden nur aufgegeit usw. Und dabei soll man
noch ins Mikro sprechen. Aber Spaß muss sein und mitgemacht. Alle schleichen
nach dem Manöver wieder ihrer Koje zu. Um 8:00 Uhr ist erst wecken. Sicher
schenkt uns die Brücke eine Stunde
Schlaf wegen des frühen Manövers, denken einige. Denkste! Die Uhren müssen um
eine Stunde zurückgestellt werden. Wir haben ab jetzt Greenwich-Zeit, nähern
wir uns doch England mit dem Null-Meridian! Es ist nasskaltes Wetter mit
Zwischenaufklaren und etwas Sonne, Wind ca. 4. Zum Nachfrühstück beim Kaffee
im Leninraum klönen wir über unser „Zwischenresümee“ zur bisherigen Reise.
Überwiegend ordentliche Meinungen, leise Kritiken, gute gemeinte Vorschläge
kommen. Ich notiere alles, was gesagt wird. Einer hat die Idee, den Kapitän in
den Klub einzuladen vor Ende der Reise und einen gemütlichen Abend
anzuschließen. Die Kosten wollen wir gemeinsam tragen. Ob das klappt und Mischinjow wirklich
aus seinem Brückenreich kommt , der russische Bär, meist so
weit weg? Ich bin skeptisch. Wir 2 Organisatoren gehen also auf die Brücke zum
Anmelden beim Kapitän. Er schläft, vertröstet man uns. Mir wird es zu bunt, ich
gehe selbst in den heiligen Bereich mit Joachim, der gestochen Englisch
sprechen kann. Ich klopfe entschlossen einfach an:“ Come in“ – wir stehen im
Salon, der mir nicht fremd ist. Joachim lädt den Kapitän höflich und förmlich
ein. Seine Zusage kommt prompt zu einem kurzen Besuch der Trainees am Abend,
21:00 Uhr! Yes, geschafft! Auf Wunsch einiger lasse ich Oleg bitten mit dem 1.
Elektriker den Service-Shop zu öffnen um 18:00 Uhr, weil alle der Konsumbetrieb
packt. Eine Liste mit den Leuten, die ein Reisezertifikat zu 10,00 DM wollen,
wird erstellt und die Nachzügler auch noch nachgereicht an Sergei Mischinjow. Er
wird sich darum kümmern, verspricht er. Das hätten wir auch! Dazwischen bietet
Ute eine Videorepräsentation ihres Rohmaterials an, wenn es gelingt, die
Kadetten von ihren allabendlichen Videofilmen im Kultursaal weg zu überzeugen!
Nur dieser Apparat dort ist kompatibel zur Fernsehtechnik. Mir schwirrt der
Kopf. Ach so, der Leninraum ist liederlich, müsste aufgeräumt werden für heute
Abend. Tatsächlich finden sich wie selbstverständlich genügend Helfer
urplötzlich, die aufräumen, Müll entfernen, abwaschen, fegen und wischen. Erstaunlich!
Eben eine gute Truppe, die sich hier rein zufällig zu diesem Törn angefunden
hat. Wir verstehen uns gut, helfen einander in Eintracht. Sergei Mischinjow soll 3
Wodkaflaschen besorgen. Er macht besorgte Augen! Was ist los? Er führt mich an
die Getränkevorräte zum Kühlschrank. Hier lagert Wodka in Büchsen, eiskalt. Das
es so etwas gibt? Ein Gläser- und Plastikbechersammelsurium kommt zu Tage. Es
ist bald 21:00 Uhr, als Dima kommt und den Kapitän quasi entschuldigt mit viel
Arbeit, Faxe und Telex aus England. Schön, also nicht, fangen wir allein an.
Jetzt Wodka ausschenken und gerade will ich einen frechen Trinkspruch zitieren,
als Mischinjow plötzlich wie der Teufel aus der Kiste mitten im Raum steht.
„Good evening“, sagt er mit seiner tiefen Stimme. Sofort wird er mit Platz und
einem ordentlichen Glas versorgt. Joachim erhebt sich zu einem englischen
Trinkspruch. Es ist schön, wir plauschen mit dem Kapitän und dreimal hält er
mit. Nach ca. 25 Minuten entschuldigt er sich höflich zur Arbeit auf die Brücke.
Blitzschnell hatte ich vorher die 4 Shanty-Musikkassetten mit den Text- und
Notenkopien geholt, die eigentlich hier für den Leninraum gedacht waren, für immer.
Ich stehe auf und schenke sie ihm vor allen, erkläre kurz dazu und siehe da, er
freut sich ganz gerührt und sagt, dass er solche Musik liebe. Ich lege noch
eine Kopie der alten „Kommodore Johnson“ dazu. Diese Grafik hatte ich von
Thoralf. Der Abend ist gelaufen, jetzt wird allgemein zum scharfen Saufen
übergegangen, wie ich erwartet hatte. Ich politisiere mit einem Freund aus dem
Ruhrgebiet deutsch-deutsche Probleme. Der Wodka aus den Büchsen tut seine
Wirkung und als man sich ob der Lautstärke kaum noch Unterhalten kann, gehe ich
schlafen und falle kaum auf. Es war Zeit, denn dauernd bekam ich etwas spendiert,
wer soll das aushalten? Schade, die Bootsmänner hatten wir auch eingeladen.
Alle ließen sich entschuldigen. Ob es wohl am Kapitän lag? Wer wird das je
ergründen?
Na, morgens wird es wohl auswertende Nachwehen bei einigen geben. Jedenfalls
höre ich nachts nichts mehr. Wie schön!
17. August
Höhe Harwich haben wir erreicht, der starke Fährverkehr zeigt es. Eine
Doppelrumpfschnellfähre braust mit ca. 50 Std/km vorbei. Dann kommt die
Ansteuerung Southend in Sicht, Unionjack mit Lotsenflagge gehen hoch, weil eben
der Lotse mit einem schnellen Boot kam und behende an Bord jumpte. Schönes
klares Wetter ist heute. Beim Essen wird der gestrige Abend ausgiebig
ausgewertet. Es muss für viele spät geworden sein. Flachsereien fliegen hin und
her, also gute Stimmung, trotz einiger Nachwehen bei manchen. Um 14:00 Uhr
sollen wir festmachen, am längsten Pier der Welt mit 2,5 km, eine Stegpier in T-Form.
Wer darf, sonnt sich bei diesem Wetter wo Platz ist. Auch die Schiffsdamen
erfreuen dabei unser Auge. Ich spiele Mundharmonika auf dem Heckspill und schon
ist das Fernsehteam da mit seinen Abschlussdrehszenen, Meinungen usw. Ich
versuche nach Hause zu telefonieren und endlich klappt es mit der Netzsuche.
14:15 Uhr kommt ein starker Kopfschlepper. Die Offiziere erscheinen in Gala auf
der Brücke. Alexander Konstantinowitsch erscheint wieder in Weiß, das heißt , die
Lotsenrevierfahrt beginnt. Der lange Anleger ragt weit in die Themsemündung
wegen des großen Flachwasserwatts. Die Stadt liegt ganz hinten. Wir werden
gewendet und an dieses liegende Riesen T gedrückt. Menschen säumen die Pier,
winken, ein russisches Begrüßungstransparent prangt für uns am Gebäude, das
gleichzeitig der Bahnhof für einen niedrigen Stegshuttlezug ist, der als
Stadtzubringer dient.

Erst kurz vor dem Anlegen werden die Decksarbeiten
eingestellt. 4 Tage lang wurde entrostet, gemalt, gespleisst und Ewgeni
kalfaterte mit Kadetten viele Deckritzen neu. Mit abenteuerlichen Apparaten
wurde Teermasse geschmolzen, vorher alles Werk niedergeklopft und mit Teer ausgegossen, dann geschabt und
geschliffen. Sogar in voller Fahrt mussten Kadetten von Bootsmannstühlen und
einem Arbeitsgummiboot aus die Außenwand streichen. Dies alles gilt wohl eher
Portsmouth als Southend, obwohl hier auch ein Stadtfest ist, zu dem „SEDOV“
eingeladen wurde. Sonst hat die Stadt bei dieser Wattlage keinen Hafen, außer
diesem einen Anlegeplatz für Großschiffe. Alle Sportboote stecken z.Z.
trockengefallen im Schlick. Ein komischer Anblick. 30 Min. nach dem Anlegen ist
der Zoll fertig und wir können endlich die Stadt erkunden. Da wir noch nicht
wissen, dass der Zubringershuttlezug für uns kostenlos ist, laufen wir in
voller Sonne die 2,5 km Pier zum Flanierboulevard der Stadt. Ein Uferrummel
tobt, in der Stadt ist viel los. Mein 1. Guiness spendiert mir Joachim, weil
ich noch kein Geld tauschen konnte in einer urigen Hintergassenkneipe, ein Pub
für den kleinen Mann. Zum Abendbrot um
19:00 Uhr sind wir mit dem Shuttle gefahren und finden an Bord eine offizielle
Deckparty unserer Offiziere mit Stadthonoratioren vor. Die Damen in langen
Roben werden abends leicht beschwipst von unseren Kadetten in Sonderuniform
die steile Gangway hoch geleitet. Es ist immer noch Ebbe mit ca. 3,5 m
Tiedenhub, wie man am Pfahlbewuchs sehen kann. Mit dem Kameramann
des TV-Teams vereinbaren wir das Ansehen ihres gedrehten Videomaterials im
Kultursaal. Die dort sitzenden Kadetten sind erst nicht sehr begeistert,
können aber mit Hilfe des Wachoffiziers „überzeugt“ werden, uns den Fernseher
zu überlassen und bleiben auch dann da. Ich warte das Ende nicht ab, bin zu
müde. Vorher bitte ich noch den Kapitän um die gültige Crewliste. In 10 Minuten
bringt sie mir ein Kadett in das Kubrik an meine Koje. So schnell geht das!
Donnerwetter, muss ich einen Stein im Brett haben. Es ist wohl zu sehen
gewesen, dass ich mich sehr um die Trainees kümmerte. Dima hat sich ab und an
auch schon dankbar geäußert, weil ich ihm viel abnehme. Ich frage vorsichtig
wegen zusätzlicher Übernachtungen für 3-4 Tage in Portsmouth. Die prompte
Antwort: „40,00 DM pro Zusatznacht mit Essen, musst nur du nicht bezahlen, weil
du uns sehr hilfst." Hoffentlich ist Wowa auch dieser Meinung! Er ist für
Traineefinanzen zuständig.
18. August
Es erwartet mich etwas Schönes: Früh laufe ich dem Kapitän über den Weg,
ich grüße, er spricht mich englisch an und sagt mir, dass die Kadetten von der
Stadt in 2 Schüben mit je 2 Reisebussen
eine Besichtigungstour nach London gesponsort bekamen und ich da mitfahren
kann. „Melde dich beim Natschalnik und sage ihm, dass ich es erlaube.“
Donnerwetter, noch eine Anerkennung!
Um 9:00 Uhr soll’s losgehen, knappe Sache, also runter, Fotozeug hoch und ohne
große Vorbereitung mitfahren. Sie nehmen Verpflegung und Trinken mit. Ich habe
nichts mit. Egal, rein alle in den Shuttle. Am Ende des Piers warten schon die
Busse. Zuerst sehe ich fragende Blicke der Kadetten, denn ich gehöre als Trainee eigentlich nicht hierher. Die 3 Damen und einige Lehrer sind mit dabei.
Um 10:30 Uhr sind wir schon am Trafalgar Square beim ersten Stopp zur
Besichtigung dieser riesigen Stadt. Der Platz ist ein Riesenrummel an Menschen,
ein grandiose architektonische Kulisse dazu. Es ist bestes Touristenwetter und
wir haben ausgiebig Zeit, alles anzusehen und zu erlaufen. Nur bei den
Abfahrtzeiten muss ich aufpassen. Sie werden nur beiläufig vorn im Bus bekannt
gemacht, natürlich in russisch. Die Damen wollen es den Touristen und Kadetten
nachtun und ein Foto zu Füßen der riesigen Löwen am Nelsons Denkmal haben. Es
ist aber niemand mehr zum Hochhelfen da. Also stemme ich mich hoch und leiste
Kavaliershilfe. Auch ein Foto für mich fällt ab. Nächster Halt ist bei
Westminster Abbey. Wo soll man nur zuerst hinsehen, einfach umwerfend diese
City. Zu Fuß geht es auf die „London Bridge“ zum Blick auf die Themseseite des
„Houses of Parliament“. Big Ben schlägt gerade 12:00 Uhr. Herrlich! Ich komme
mit 2 unserer Lehrer in Kontakt. Foto machen bitte soll ich, dann das übliche
Woher und Wohin. Nach ausreichendem, zügigen Laufen mit dem Bus weiter zur
„Westminster Cathedral“ und weiter zum „Albert Memorial“ neben der Royal
„Albert-Hall“ in einem wunderschönen Park gelegen. Das Monument prunkt in
seinem Gold in der Sonne. Also Fotos machen von allen Seiten und noch Einzelheiten
besonders. Auch ein Gang in den Park ist noch drin. Überall liegen Menschen
auf dem kurzen Rasen, aber nirgends liegt Müll, eine herrliche Stille. Jetzt
durchfahren wir „Piccadilly Circus“ auf dem Weg zur
„Tower Bridge“. Dort laufen
wir rüber bis zum Tower und bewundern das gepflegte Wahrzeichen der Stadt,
Tower Bridge, auch von der anderen Seite. Der Kreuzer „Belfast“ liegt vor der
Brücke, der im II. Weltkrieg Schlachtschiff „Scharnhorst“ endgültig
vernichtete. Da will ich später mal rauf. Plötzlich Halt in einer
Seitenstraße. Was ist los? Aha, die Kaltverpflegung wird ausgegeben. Man winkt
auch mich heran. War ich eingeplant? Also „Spazibo“ und mitgegessen, denn
Hunger ist da, noch etwas Trinken aufheben für später und weiter geht es. Ich
weiß nie, wohin es geht hinten im Bus. Überraschung: „Greenwich Park“ ist
erreicht. Ich orientiere mich schnell an der Eingangskarte und kann so
Kadetten helfen, die „Cutty Sark“ zu finden, deren Masten aus der unteren
Stadt schwach links zu sehen waren für einen Moment. Eines meiner Traumziele in
London liegt greifbar nahe! Also zügig los, wir haben eine Stunde Zeit. Da
liegt sie, die „Cutty Sark“ in voller alter Schönheit und bei bestem Wetter. 6
Pfund Eintritt, oh je, keine Pfund mit! Plötzlich sehe ich Kadetten oben an
Deck des Schiffes in seinem Trockendock. Kurzes Verhandeln an der Kasse. Wir
haben alle Eintritt frei! Rein! Die Gallionsfigurensammlung ist das Schönste.
Das Bordleben ist gut nachgestaltet mit lebensgroßen Figuren. Sogar an einen
Kojenschnarcher (mit Ton) und an ein gackerndes Huhn ist gedacht worden. Reine
Geschmacksache ist das Ganze schon, mit den Figuren. Immer mehr Kadetten
erobern das Schiff und haben
hergefunden. Merkwürdig, alle haben Zeit und schlendern langsam, alles genau
betrachtend um und durch das Schiff. Woran das wohl liegt? Jetzt schnell im
Trab quer durch den großen Park zurück zum Bus, denn die Stunde ist um. Jetzt
sehe ich den Grund. Unser Busfahrer parkt nur um die Ecke am
„Cutty Sark Dock“, 150 m weit. Er war einsichtig und wollte uns mehr Zeit
verschaffen. Als ich um die Ecke gerannt komme, bremsen mich einige. „Langsam
Brüderchen“ heißt es freundlich. Also noch mal zurück zum Schiff und den Film
im Gallionsfigurenmuseum im Unterdeck voll fotografiert. Eine Figur ist schöner
als die andere. Dann gegen Abend bei sehr lauer Luft starten wir auf einer
malerischen Küstenstraße nach Southend zu unserem Schiff nach Hause. Links und
rechts der Avenue kann man die meist zweistöckigen Zeilen der einfachen aber
vielgestaltigen typischen englischen Familienwohnhäuser sehen. Jedes hat einen
kleinen Vorgarten anderer Art, bullige Schornsteine und die englischen
Schiebefenster, wegen des Windes. Die Laternen gehen an. Wir sehen die riesige
Schlange des SEDOV-Piers mit dem Schiff ganz klein da vorn liegen. Es ist Flut,
die Themse hat sich die riesige Schlickfläche mit Hilfe des Meeres für 6
Stunden zurückgeholt. Die letzten Busschläfer erwachen, aussteigen heißt es und
den Bus sauber verlassen. Wie immer geht alles geordnet ohne laute Worte
seinen Gang. Eine erlebnisreiche, wohltuende Fahrt, für die ich dankbar bin,
ist zu Ende. Der Kopf ordnet abends erst beim Erzählen die Eindrücke richtig.
Schnell das Tagebuch geschrieben, denke ich, damit nichts verloren geht. Aber
man hat ja hoffentlich noch die Fotos. Zurück an Bord geht es mit dem
rumpelnden Zugshuttle. An Bord fluten noch bis 20.00 Uhr die englischen
Besucher. Unermüdlich freundlich und zuvorkommend werden alle, besonders
Ältere, an Bord herumgeführt und über die steile Stelling geholfen. Die
diensthabenden Kadetten brillieren mit ihrem Schulenglisch und erklären
geduldig alles, beantworten jede Frage. Manches Geldstück wechselt den
Besitzer, sehe ich. Ich schaue in den offenen Service-Shop zum 1. Elektriker
hinein. Wie ist das buissiness? Karascho! Die Pfundpreise der Souveniers haben
heute aber angezogen, denke ich noch.
Abendbrot, Lunch-time, ist später, heute erst nach 20:00 Uhr, weil unsere
Stewardess Ljuba bis spät an Ständen an der Pier mit anderen Crewleuten verkaufen
musste. Alle verstehen das und ich erzähle inzwischen und jeder gönnt mir
diesen Tag. Das hast du dir verdient, höre ich und bin beruhigt, wegen meines
Privileges. Leichter englischer Regen setzt ein, also weg ganz schnell mit den Souvenierständen. Alle helfen mit. Feierabend, das Deck leert sich und alle
erwarten zum krönenden Abschluss des Southend-Stadtfestes noch das große
Höhenfeuerwerk, von dem gemunkelt wurde. Tatsächlich, von einem Schlepper weit hinten vor der Stadt spucken die
Werfer
ihre Raketen. Danach, es ist spät, sitzen viele noch im Klub. Sie fragen nach
Reisezertifikaten und da sitzt „Wowa“ wie zufällig mit einer Mappe. Ich soll
helfen. Gott sei Dank hat man das vorbereitet, denn es ist mit 10,00 DM pro
Zertifikat auch ein gutes Geschäft. Also „Wowa“ kassiert und ich gebe mit
Handschlag aus. Das könnte man an Deck mit einem Offizier z.B. auch schöner und
würdiger gestalten. Plötzlich bietet „Wowa“ auch noch eine Art Kurskarte für
10,00 DM an. Auch die geht weg wie warme Semmeln. Einer spendiert mir ein Bier.
Danke auf beiden Seiten, austrinken und dann falle ich in meine Koje, diesmal
ohne Duschen.