Mein erster "Parusnij avral" (Segelalarm)

Es war im August 2000. Wir wollten von Madeira nach Amsterdam segeln. Die Brest-Affäre machte uns einen Strich durch die Rechnung. Wir waren sechs Tage auf See gewesen, dann die Schreckensnachricht, verkündet von Rudi im Kapitänssalon: "Wir laufen St. Nazaire in Frankreich an, wir müssen alle von Bord, die Sedov fährt nach Murmansk, da sie in Amsterdam mit erneuter Arrestierung rechnen muss." Schock und Aufregung waren groß.

Dann unsere letzten Tage auf See. Die französische Küste kam in Sicht. Sehr niedergeschlagen standen die meisten Trainees an der Reeling und starrten auf das Land. Ich hatte mich ein wenig zurück gezogen, mir war nicht nach Gesellschaft zumute. Was erwartete uns nach dem Einlaufen? Würden wir unser schönes Schiff je wieder sehen? Unser geliebtes Schiff die "SEDOV"Ich lies meinen Blick über`s Deck schweifen, blickte an den Masten hoch in den strahlend blauen Himmel. "Wie sehr mir hier schon alles vertraut geworden ist in den letzten Tagen". Eine Heimat, die einem ungewissen Schicksal entgegen ging, die ich vielleicht nie wieder sehen würde. Diese Gedanken taten doch weh. Ich sah hinüber zu meinen Arbeitskollegen. Unter Ihnen hatte ich Freunde. Zum ersten mal in meinem Leben. Auch der Abschied von ihnen würde mir sehr schwer fallen.

Mitten in meine trüben Gedanken drang die Lautsprecherdurchsage: "......Parusnij avral, all hands on deck in ten minutes", kurz gesagt Segelalarm. Zum Grübeln hatte ich jetzt keine Zeit mehr, so schnell ich konnte flitzte ich in unsere Kubrik und schlüpfte in meine Arbeitsklamotten. Eben so schnell düste ich wieder an Deck. Ich hatte zwar schon öfter Segelalarm erlebt und bei den Arbeiten an Deck (brassen, laufen am Fall etc.  ) kräftig mit angepackt, aber ich hatte noch nie in der Takelage mitgearbeitet. Nun mussten Segel gepackt werden. Das war meine letzte Chance! Im Takelage-Klettern fühlte ich mich schon recht sicher. Wir stellten uns mit den Kadetten auf und warteten die Kommandos unseres Bootsmann Oleg ab. Ich sah rüber zu meinem Lehrmeister Thoralf. Seine grüne Augen blinkten unternehmungslustig. "Ich will mit rauf" flüsterte ich ihm zu." "Ok, schnapp Dir einen Gurt" Thoralf und Mellyflüsterte er zurück. Als die Kadetten sich in Bewegung setzten und ein Teil von ihnen in Richtung Gurte liefen, lief ich hinterher. Ich nahm mir einen von den orangenen, meinen Lieblinsgurt. Ein Blick in Bootsmann Oleg`s Augen reichte, um zu wissen, dass er einverstanden war. Ich konnte vor Freude in die Luft springen.

Zuerst mussten natürlich die Gordinge und Geitaue geheisst werden. Gemeinsam schnappten Thoralf und ich uns einen Gording. Ich hatte des öfteren versucht, einen Gording für mich allein zu ergattern, das ist mir aber nie gelungen, denn so wie ich einen hatte, kam ein hilfsbereiter Kadett angewuselt und nahm ihn mir wieder weg. Ich durfte dann so ein wenig mitziehen. Na egal. Auf das Kommando begannen Thoralf und ich zu ziehen, bis wir den Block fast bei uns unten hatten. Das Belegen überlies ich Thoralf, der hat mehr Erfahrung. Dann ging es ans Aufentern. Mein Herz machte einen Sprung vor Freude. Ich hielt mich dicht hinter meinem "Lehrmeister". Kurz überkamen mich Zweifel, ich hatte bis jetzt nur einmal ein Segel gepackt und das war das oberste und kleinste Segel gewesen. "Ach was, was 16 jährige Jungs können, kann ich auch". sprach ich mir selber Mut zu.

Es war seltsam. sowie ich einen Fuß auf die Webeleinen gesetzt hatte, fiel alle Nervosität von mir ab. Ich brauchte meine volle Konzentration zum Aufentern. Thoralf stand an der Nock der Untermars., ich neben ihm. Die Kadetten waren zuerst auf die Obermars, da diese zuerst gepackt werden sollte. So hatten wir noch etwas Zeit. Obwohl ich den Anblick des Schiffes von der Rah aus schon kannte, faszinierte er mich immer wieder auf`s Neue. Hier oben wird man sich erst bewusst, wie klein und schwach man doch ist. Und wie verloren wir doch alle wären ohne unsere teure "Sedov", mitten auf dem Meer. Thoralf blickte zur Küste hinüber. Wie musste er sich jetzt fühlen? Seine Bindung zu unserem Schiff musste nach all den Jahren, die er schon fuhr stärker sein, als meine. Auf einmal bemerkte ich, wie die Fußpferde anfingen zu schwanken, die Kadetten kamen. Nun musste ich meine ganze Kraft aufbieten um das Segel nach oben zu ziehen, das Unterliek zu packen und das Segel in Falten zu legen und zu einer festen Wurst zusammen zu legen. Auf Kommando wurde diese Wurst dann auf die Rah gerollt. Nun griffen alle zu den Zeisingen und banden das Segel  fest. Auch ich schnappte mir einen Zeising und machte stolz meinen Webleinensteg Webleinenstekum das Jackstag. Als alle Zeisinge fest verzurrt waren, ging es wieder runter, diesmal ich vor Thoralf. Aber klettern konnte ich schon immer recht gut. Und so stand ich, zwar mit zitternden Knien aber überglücklich wieder an Deck. Zusammen mit den Kadetten stellten wir uns wieder vorschriftsmäßig auf. Der Fockmast, mein Mast, war wie immer als erster fertig. Dann kam das russische Kommando "Adboi", was so viel wie beendet heißt.

Die Kadetten lösten sich aus unserer Zweierreihe und hängten Ihre Gurt weg. Ich tat es ihnen nach. Als ich an Bootsmann Oleg vorbei kam, grinste er breit und saget: "Vielen Dank, Gute Arbeit."

Mein Gott war ich stolz, auf meinen ersten "Parusnij avral".

 

Diesen schönen Bericht schickte uns Melly Walitza aus Graz - Österreich

(Wo die Sedov ist, da ist Melly, oder umgekehrt)