Es gibt noch Engel auf Sankt Pauli.

 

(oder  „Wie war das mit dem Stuhl? Damals“)

 

Ab und zu muß ich mal wieder an die Küste, nach Hamburg!

Köln ist ja eine plattdeutsche Diaspora.

 

So zwei drei mal im Jahr setze ich mich in die Eisenbahn und fahre nach Hause, Mutter besuchen und meinen Bruder, auch die alten Freunde von früher, die noch da sind, sehe ich gern mal wieder.

 

Es ist nun drei Jahre her, es war Anfang November und sehr kalt draußen, ich saß mit meinem Bruder in so einem gemütlichen Laden, um uns herum alte Seeleute, ein paar Ausländer, unsere Freunde Christian und Fiete, Fiete ist schon über sechzig, Christian war auch auf See, aber die zwei sind eine andere Geschichte.

 

Wir sprechen über alte Zeiten, es ist immer so, wenn wir zusammen sitzen sprechen wir über die guten Zeiten, als wir noch auf See waren. Wir sprechen über unser altes Sankt Pauli, wie das damals schön war und was wir alles gemacht haben in der Zeit. Wovon sollen wir auch anders reden, es passiert ja doch nicht mehr viel, was einen bewegt...

Wir sind am reden über den oder den Dampfer, auf dem wir gefahren sind; wir sind in Gedanken mal hier und mal dort--- Kalkutta, Kapstadt, Lagos und was nicht noch alles.  Ja, wir haben viel zu sehen bekommen bei der christlichen Seefahrt, damals.

 

Mit einenmal ging die Tür auf und eine kleine alte Frau kam rein, schon ein wenig krumm und wackelig auf den Beinen; Sie hatte kurze graue Haare und sie hatte einen dünnen Kamelhaarmantel an; es war schon kalt draußen, es war schon November, es ging auf Weihnachten zu und auf das neue Jahr.

 

Als sie sich auf einen Stuhl setzen wollte, brüllte das Mädchen hinterm Tresen: „Christa, setz dich auf einen Hocker!“ Die Alte guckte sie mit glasigen Augen an, sagte nichts, und setzte sich auf einen von den Barhockern am Tresen.

 

Keiner von den anderen Leuten in dem Laden kümmerte sich darum, die Frau bestellte sich einen doppelten Korn und wir, wir unterhielten uns weiter, von „Damals“. Bei mir war das anders, ich konnte nicht begreifen, warum sie nicht auf einen der Stühle sitzen sollte, ist doch gemütlich, besser als so ein hölzerner Barhocker, na ja, dachte ich, das ist eben Sankt Pauli, da ist alles ein bißchen anders.

 

Stunden später, so nach drei oder vier doppelte Korn, die sie getrunken hat, merkte ich, das sie mich ansah, sie guckte immer rüber zu mir, ich habe nicht gewußt warum. Wir saßen nun am Tisch, mein Bruder und ich und mit einemmal kam sie rüber; volltrunken war sie noch nicht aber ihre Zunge war schon ziehmlich lahm. Sie fragte mich, ob ich nicht einen ausgeben will, na ja dachte ich, warum nicht und bestellte ihr einen doppelten Korn mit Selterwasser, für hinterher.

 

Die Hände von dem Mädchen waren am zittern und ich dachte schon, sie wird den Korn ausschütten, aber nein, sie sah mich über das Glas hinweg an und zack war der doppelte Korn weg.

 

Mit einemmal, ich dachte die Sonne geht auf, das ganze Gesicht von dem Mädchen war wie Strahlen, die Augen waren am glänzen und sie lachte über das ganze Gesicht und sie sah wieder jung aus und sagte zu mir:

 

„Ich kenne dich!“

 

Ich schüttelte den Kopf, „Ich dich nicht, wer bist du den?“ fagte ich sie zurück.

 

Mein Bruder war inzwischen nach Hause gegangen und ich saß allein mit dem Mädchen am Tisch. „Ich bin Christa, Christinchen.“ Sagte sie---

 

Und dann wußte ich wieder wer sie ist, mir fiel das alles wieder ein , wie ich sie damals kennengelernt habe.                                                          

 

Wenig Geld hatten wir, nur das Stempelgeld vom Arbeitsamt und das war schnell weg. Auf See hatten wir guten Verdienst, zwei- dreitausend Mark im Monat, freie Kost und Logis. Ausgeben kann man auf See nicht viel und so hatten wir, wenn wir zurück waren immer die Taschen voll.

Ausgeben, leben, was kostet die Welt.

 Man se hett torüch geven - Christinchen im August 2001 - der Engel lebt noch!

Christa war eins von den Mädchen, von denen sogar Hans Albers gesungen hat: „Ein Mädchen von Sankt Pauli, ein Mädchen für Geld“.

 

 

Aber, sie hat zurück gegeben, immer wenn einer von uns nichts mehr hatte, dann war sie da, wenn einer Hunger hatte, nichts mehr zu Rauchen und zu Trinken, nicht wusste, wo er die nächste Nacht schlafen sollte, dann waren so Menschen wie Christa da und halfen ohne zu fragen, und gaben.

 

Ja, so war das damals auf Sankt Pauli. Christa und ich waren an diesem Tag noch lange am reden. Ich fragte sie, was sie denn macht, wo sie lebt. Viel sagte sie nicht, nur das sie keine Wohnung hat, schläft mal da oder mal da, meistens draußen, wer gibt schon so einem Menschen was.

 

Oben beim Michel sind ein paar Grünanlagen, da schläft sie, unter den Wolken und den Sternen. Kalt war es draußen, es ging auf Weihnachten zu. Viel Geld hatte ich nicht dabei, ich gab ihr zwanzig Mark, damit sie noch etwas bleiben konnte.

 

Mit einemmal war sie weg.

 

An diesem Abend war ich sehr am grübeln, ich bin dann raus und lief noch etwas rum, ich sah den Michel und fragte ihn,

 

„Was ist das bloß für eine Welt, was soll ich machen?“

 

und er antwortete mir.“ Tu man nichts, das kommt schon klar.“

 

Und ich betete in Gedanken, lieber Gott, wenn du da irgendwo bist, tu was für das Mädchen, es ist doch kalt draußen und es regnet auch noch, tu was für diesen kleinen „Engel von Sankt Pauli“, er hat es verdient.

 

Nun sind schon wieder drei Jahre vergangen und wir haben uns immer wieder gesehen und wir haben zusammen gesprochen. Sie ist jetzt in einem Altersheim. Ab und zu läuft sie da weg und dann geht sie wieder an die Küste und dann gibt es wieder doppelten Korn mit Selter.

 

All die Leute dort an der Küste sagen von ihr: „Sie ist eine Gute“, war immer am helfen wenn einer in Not war.

 

Christinchen ist eine Gute.

 

Heute weiß ich auch, was das mit dem Stuhl und dem Hocker auf sich hatte, sie ist schon über Siebzig Jahre alt und wenn sie soviel trinkt, dann läuft das, was sie oben reingießt manchmal gleich unten wieder raus und deshalb soll sie nicht auf den Polsterstühlen sitzen.

 

Ich weiß aber, wenn dieses Mädchen mal nicht mehr bei uns ist, dann kommt sie in den Himmel und dann hat sie einen großen Stuhl beim lieben Gott, ganz für sich allein und da ist dann niemand, der brüllt „Christa, setz dich auf einen Hocker!“

 

Dann ist sie beim lieben Gott,

 

unser kleiner „Engel von Sankt Pauli“.

 

Denkt mal drüber nach mein lieber Freund, es gibt sicher auch in deiner Stadt kleine Engel, die man nicht so richtig sehen kann.