Die Äquatortaufe 

Zum Andenken an Werner Schiller, Schmierer auf MS Steintor 1962

Wir waren wieder auf See, nach 14 Tagen konnten wir Kalkutta verlassen; eine Havarie mit einem griechischen Dampfer hatte uns einen Werftaufenthalt eingebrockt. Die Hitze im Hafen am River Hoogly (richtig gelesen, nicht am Ganges) war unerträglich; dazu kam der Gestank all der Abfälle, die sich in vielen Städten in Südostasien ansammeln. Da war das nicht so wie bei uns in Deutschland, da gab es nicht die regelmäßige Müllabfuhr. Alles blieb liegen, bis es entweder vergammelt war oder sich jemand erbarmte den Dreck weg zu machen.

Der River Hoogly ist ein Deltafluss vom Ganges, der die braune Brühe Richtung Golf von Bengalen fließen lässt.

„Golf von Bengalen", das hört sich an wie in tausend und eine Nacht, nur, was uns empfing war weitere Hitze, kein Wind, nur die vom Schiff gemachte Fahrt brachte ein laues Lüftchen. Die Luft klebte nass am Körper.

MS Steintor -Reederei Visser & von Dornum - Emden

Keine Wellen nur eine leichte Dünung lies unser Schiff, die „Steintor" schaukeln. Das Wasser war glatt wie ein Spiegel und am Horizont sah es aus, als gebe es keinen Übergang zwischen Wasser und Himmel. Ein grandioses Spiegelbild, Wolken oben und Wolken unten, nur, die unten bewegten sich im Takt der Dünung.

Leer Schiff sind wir von Indien weg, alles was wir an Ladung am Kontinent eingesammelt hatten war abgeliefert und niemand von uns wusste wo es nun hingehen würde. Wir waren auf Trampfahrt, das heißt irgendwo würde uns per Funk eine neue Order erreichen und dann erfuhren wir den neuen Hafen, den wir anlaufen sollten.

Viel zu Essen war in der Ladung für die kleinen Inder, viele Menschen in Indien haben Hunger, so brachten wir Getreide und Milchpulver in Säcken tonnenweise in die Häfen Bombay, Madras und eben Kalkutta.

Damals hoffte ich, dass es nach Hause geht, denn ich hatte immer noch mit großem Heimweh zu kämpfen. Jeden Tag war ich mit meinen Gedanken bei den Eltern, den Brüdern und all den Freunden, die ich an Land gelassen hatte. Ich war der erste von fünf Jungen, der zur See gegangen war, später folgten noch zwei meiner Brüder.

Quer ab Ceylon (heute Sri Lanka) an Steuerbord kam dann der für mich so grausame Funkspruch: Anlaufen Kapstadt - Getreide für Taketoyo bei Nogoja in Japan. 18 Tage bis Kapstadt und dann wieder 21 Tage bis Taketoyo. Das Seemannsschicksal hatte zugeschlagen, grausam, wie ich damals dachte, wobei das völlig normal war zu der Zeit, wir waren eben auf Trampfahrt.

Der Tag war für mich gelaufen, alle gute Laune dahin, nur noch Heimweh und nochmals Heimweh. Gott sei Dank gab es aber Bordkameraden, die das verstehen konnten, so konnte ich mich bei manch einem Ausweinen und nach einigen Bier und Doornkaat (der war vom Kabelgattsmatrosen Paul Gatz und meistens piewarm) war das Elend vergessen und der Schlaf des Bachus legte sich warm über mich.

Am nächsten Tag, der Erste der mir begegnete war der Koch, der war so komisch am Grinsen, als wenn er sich selbst in Gedanken Witze erzählen würde, aber das konnte nicht sein, so doof war der nicht. Nach und nach füllte sich die Mannschaftsmesse und da waren noch mehr grinsende Gesichter. Dann wurde das erste mal das magische Wort ausgesprochen, ein Wort das dann zu vielen Spekulationen Grund gab - „ Äquatortaufe".

Einige von uns waren schon in früheren Jahren über den Äquator auf die südliche Halbkugel gefahren und somit für Neptuns Reich gesalbt und durften dieses für den Rest ihrer Seemannslaufbahn befahren, aber wir, die wir noch nicht getauft waren, wir sahen bei all den grinsenden und feixenden Gesichtern ziemlich alt aus.

Noch am selben Tag holte der Koch ein Fass Salzheringe aus dem Proviantraum, ein Holzfass mit sicher 30 Heringen, der Deckel wurde abgenommen, die Heringe raus und das Fass wurde auf Luke vier in die Sonne gestellt, zu welchem Zweck wurde mir erst später klar. Das Fass wurde von stund an bewacht wie der heilige Grahl, niemand durfte sich dem Fass nähern, alle Täufer waren aufgerufen, das Fass zu schützen vor den unwürdigen Täuflingen.

Neben dem Fass baute Timmy (das war unser Zimmermann) ein Holzgestell auf, zwei Streben ragten nach oben und zwischen diesen Streben wurden 3 Schnüre gespannt. Nach dem die Heringe ausgenommen waren, Kopf einschneiden und in einem Stück die Innereien samt dem Kopf abtrennen, verschwanden die Heringe erst mal im Kühlschrank, die Köpfe mit den Gedärmen wurden wie Wäsche auf der Leine an den Schnüren festgebunden damit sie in der Sonne gut trocknen konnten.

Ab dann war jeder Tag mit dem Thema Äquatortaufe ausgefüllt, die tollsten Sachen machten die Runde und jeder, von denen, die schon getauft waren, wusste noch besseres, noch grausameres über das Ritual auf See zu berichten. Da war die Rede vom Kielholen, von Gedicht aufsagen, an einem Bein am Ladebaum hängend hoch über dem Lukendeckel. Sievert und Schraat (Schraat hieß Schraat, weil er so einen breiten Mund hatte und hin und wieder dem Koch ein Ohr abbeißen wollte) wussten am schönsten zu erzählen, was alles auf uns zukommen könnte und auch Bootsmann Schüür gab seine alten Geschichten zum besten.

An Ceylon vorbei kam endlich wieder Wind auf, wir waren im indischen Ozean und das Schiff lief glatt durch die See, ich hatte das Gefühl es wurde immer schneller, um uns noch eher an den Ort unseren Leidens zu bringen.

Zwei Tage vor dem Äquator machte sich Bäcker Klaus Zager aus Sprakensehl in der Lüneburger Heide daran, die Heringe zu verarbeiten. Erst wurden sie durch den Wolf gedreht, dann wurde die Fischmasse mit zwei Kilo Currypulver einige Handvoll Cayenepfeffer einer Unmenge Salz und Mehl zu trockenem Brei vermischt. Aus der Masse wurden eiergroße Kugeln gedreht und das Gemenge wurde nun auch zum Trocknen gelegt.

Was ich bis heute nicht verstanden habe war die Tatsache, dass der Bäcker (bekannt durch einen Ausspruch : „und dann fuhr Heini mit dem Fahrrad vorbei!" aber das ist eine andere Geschichte) diese Riesenpillen selber gedreht hatte, obwohl er doch zu den Täuflingen gehörte und wissen musste, was es damit auf sich hatte.

An Deck wurde dann fleißig gearbeitet, aus einigen hölzernen Lukendeckeln und viel Persenning wurde ein Schwimmbecken gebaut, in das Becken wurden Deckswaschschläuche gelegt und dann hieß es Wasser marsch. Das Wasser lief zwar durch das Tuch langsam wieder aus, aber der Ozean war voll davon und so musste nur nachgepumpt werden und der Wasserstand im Becken wurde gehalten. Nein, nicht zum Vergnügen war das Becken bestimmt, alles gehörte zum kommenden Ritual und am Abend vor erreichen des Äquators nahm das Elend seinen Lauf.

Wir Täuflinge bekamen Order, uns auf dem Bootsdeck an Steuerbordseite in Badehose, bekleidet mit einem Schlips oder einer Fliege, soweit vorhanden, um 20 Uhr zu sammeln. Dann ertönte das Schiffshorn über die weite See und Triton, Sohn des Neptuns kam mit seinem Gefolge an Bord um das Eintreffen Neptuns am nächsten Tag anzukündigen. Es wurden alle Taufscheine der schon Getauften kontrolliert, nicht nur der Taufschein war die Legetimation für die Südhalbkugel, auch musste jeder Täufer seinen ihm von Neptun gegebenen Namen wissen um einer erneuten Taufe zu entgehen.

Taufschein von der Äquatortaufe

Wir Täuflinge standen in Reih und Glied, mit gesengtem Kopf und sahen mit Grauen das Gefolge des Triton, da waren Polizisten des Meeres und die Neger Neptuns, gekleidet mit grünen Baströcken und alle hatten Schlagstöcke oder Tampenenden in den Händen, die für uns bestimmt waren, wenn wir uns nicht schnell genug bewegten.

Wir wurden aufgefordert, uns am nächsten Tag um 7 Uhr in das Gefängnis zu begeben, da kein Nichtgetaufter frei herumlaufen durfte wenn Neptun an Bord kommt. Das Gefängnis war das erste Deckshaus auf dem Vorschiff,

Nachdem die Kontrolle vorüber war kam aus einer Ecke ein eiskalter Wasserstrahl aus einem Deckswaschschlauch, der uns den Boden unter den Füßen wegriss, das war die Aufforderung, das Bootsdeck zu verlassen und den morgigen Tag abzuwarten. Obwohl es kurz vor dem Äquator sehr warm war, war das Wasser aus diesem Schlauch doch kalt. Wir waren erst mal froh, dass diese Prozedur vorüber war.

Der nächste Morgen, Äquatortag. Pünktlich um sieben ging die Tür zu unserem Gefängnis auf, bestialischer Gestank kam uns entgegen und eine Hitze, wie sie nicht mal die Sonne am Äquator hervorbringt. Das Gefängnis wurde schon Tage vorher ohne unser Wissen präpariert, die Fenster waren mit Schlüsseln zugedreht worden und es bestand keine Chance, diese mit den Händen aufzudrehen. In den Schränken waren einige Rollen Harzer Käse und einige aufgeschlagene Eier hinterlegt, auch der Fußboden war damit garniert. Die Heizung, voll aufgedreht und die Knöpfe um diese abzustellen waren abmontiert. Es reichte gerade noch um etwas Luft zu holen, aber der Gestank......

Ich hatte Glück, ich war noch Moses und daher kam ich sehr früh aus diesem Stinkkasten wieder raus; am schlimmsten traf es den Funker, der musste bis gegen Mittag aushalten. Draußen traf mich wieder ein mächtiger Strahl Seewasser und ein paar prügelnde Polizisten Neptuns nahmen mich in Empfang. Warst du schnell genug bekamst du wenig Prügel, aber da keiner so richtig wusste was kommt und wohin, hagelte es doch einige Schläge. Das nächste Hindernis war eine Röhre aus Segeltuch, die an den Ladebäumen aufgehängt war, gut fünf Meter lang. Durch diese musste ich durchkriechen. Nachdem ich in der Röhre war kam mir ein Wasserschwall entgegen und ich musste gegen diesen Strahl versuchen das andere Ende zu erreichen, die Mitte der Röhre wurde langsam abgesenkt und der Kampf nach oben begann. Wenn der Kopf oder irgendein Körperteil zu sehr nach außen beulte, nutzten die Polizisten diese Körperteile wieder als Prügelobjekt.

Endlich hatte ich den Kampf gegen die Röhre und das Wasser gewonnen, schon wurde ich weitergetrieben nach Luke vier, hier war das weitere Martyrium aufgebaut und grinsend erwartete mich Neptuns Astronom. Der hatte nur einen Eimer mit Seewasser vor sich stehen und zwei leere Bierflaschen, zusammen gebunden wie ein Fernglas. Die Flaschen wurden mit Seewasser gefüllt und mir vor die offenen Augen gehalten, das Wasser lief brennend in die Augen und ich sollte dem Astronomen sagen, was ich sehe, dabei konnte ich doch nichts mehr sehen. Von irgendwo kam dann der Zuruf „Vielleicht siehst Du den Äquator!", richtig, das war die Lösung, laut sagte ich „den Äquator" und die Prozedur hatte ihr Ende. Jetzt ging es schon stolpernd voran und der nächste aus Neptuns Gefolge war der Herr Pastor. Ein riesiges schwarzes Holzkreuz schwebte drohend in dessen Hand und ich wurde aufgefordert zu erklären, wieviel Bier, Schnaps und Zigaretten ich bereit wäre zu spenden. Sagte ich zu wenig, lernte mein Kopf das Holzkreuz kennen. Als Junggast verdient man nicht viel und so war für Neptuns Mannen bei mir nicht viel zu holen, so hatte ich diesen Schritt auch schnell hinter mir.

Jetzt ging es zum Doktor! „Hilfe", Sievert und Schraat, zwei riesige Matrosen aus Ostfriesland packten mich grinsend und banden mich mit einer Eisenkette auf einer Eisenleiter fest, als Kopfkissen diente ein eiserner Schäkel. Gründlich wurde ich abgehört, das Stethoskop war ein Toilettenpümpel, der immer wieder neu in Farbe getaucht wurde. Dann sah ich die Heringsköpfe wieder, schön getrocknet von der tropischen Sonne. Einen davon musste ich essen. Da ich mit was weiß ich welchen Krankheiten aus dem Norden befallen war bekam ich die Allroundmedizin des Neptun zu schmecken, Eine dieser Hering-Curry-Pfeffer-und-so-weiter-Pillen trocken und scharf, kaum runterzuwürgen, aber dafür gab es auch Abhilfe, die Doktoren hatten ja noch das Fass mit Heringsbrühe und davon bekam jeder einen kräftigen Schluck um die Pille rutschen zu lassen. Das Problem war inzwischen, dass das Zeug immer wieder nach oben wollte, denn die Geschmacksnerven spielten nicht mehr mit, aber auch dafür gab es eine humane Lösung, einen Schluck Kujampelwasser, ich glaube es war Himbeergeschmack, jetzt war das Zeug unten und die Ketten wurden wieder gelöst.

Aus dem anfänglichen Gehen und Rennen wurde langsam ein Taumeln, der wichtigste Teil des Tages stand mir bevor, vor mir saß ein unheimlich Dicker Neptun (Chief Claasen, der dickste Mann an Bord), neben ihm seine Lieblichkeit Tethis, Neptuns Frau.

Neptun und Thetis

Vor der Taufe wurde uns aufgetragen ein selbstgefertigtes Gedicht zu schreiben und dieses vor Neptun aufzusagen. Nachdem diese Pflicht erfüllt war, durfte ich der Thetis die Füße küssen, weil es ja eine Ehre ist, der Frau des großen Neptun die Füße zu küssen; nur die Füße (das waren Schmierer Werner Schiller seine) standen in einem Backblech, das mit einer Brühe aus faulen Eiern, Harzer Käse, Motorenöl und wieder ein bisschen von der Heringsbrühe gefüllt war. Es gab keine Chance, vielleicht nur einen Zeh der Thetis mit dem Mund zu berühren, der Fuß schnellte nach oben und genüsslich wurde mir die Brühe durchs Gesicht gezogen.

Mit verschmiertem Gesicht und geschlossenen Augen wurde ich dann weiter gerissen und fand mich auf dem Beckenrand wieder, dort nahm mich Neptuns Frisör in Empfang. Die Haare wurden mit grüner Farbe gewaschen, das Gesicht mit einer Mischung aus Seife und Heringsbrühe eingeseift und mit einem riesigen Messer aus Holz, das ein paar Spuren hinterließ rasiert. Jetzt konnte ich überhaupt nicht mehr sehen, die Seife und die Brühe brannten in den Augen und ich erwartete das Ende.

Plötzlich gab es einen kräftigen Stoß und ich flog rückwärts in das vor Tagen aufgebaute Taufbecken, jetzt war mir klar, warum das Ding gebaut worden war, im Becken standen vier von Neptuns Negern und alle vier sahen zu, dass ich so lange wie erträglich unter Wasser blieb; da stand ein Fuß auf meinem Bauch ein anderer auf den Beinen, zwei Hände hielten meinen Kopf unter Wasser und die Luft wurde immer knapper. Ab und zu kam ich japsend mit dem Kopf aus dem Wasser und konnte schnell einen Atemzug machen. Das Problem war, das alle vier Neger schon einiges an Bier und Schnaps intus hatten und wohl nicht mehr abschätzen konnten, wie lange es ein Mensch unter Wasser aushalten kann. Damit nichts passierte war das wachsame Auge von Kapitän Krominga immer auf das Becken gerichtet und wenn er meinte es wäre gut, dann erfolgte die Erlösung, so konnte auch ich bald aus dem Becken raus und wurde mit einer eiskalten Flasche Bier unter den Getauften begrüßt. Von Neptun bekam ich später den ersehnten Taufschein und den Namen Kaulquappe. Ab sofort freute ich mich auf die nächste Reise in das südliche Gefilde um die erlittenen Qualen an Andere weiter zu geben.

Es folgte ein riesiges Fest, all die gespendeten Kisten Bier, die vielen Flaschen Schnaps wollten getrunken und die Zigaretten geraucht werden. Die Prozedur war hart, aber im nachhinein doch schön, das Schlechte war schnell vergessen.

Vier Tage nach der Taufe, morgens gegen 5 Uhr 20 schallten die Alarmsirenen durch das Schiff, das Signal „Mann über Bord", wohl das schlimmste Signal, was auf einem Schiff gegeben werden kann. Was war passiert? Der Schmierer Werner Schiller, ein von allen gemochter Bordkamerad, war zwischen 4 und 5 Uhr morgens, beim Wecken über Bord gegangen; er sollte die Männer der vier acht Wache wecken und als diese und auch er nicht in der Maschine ankamen, begann die Suche. 24 Stunden haben wir gesucht, alle Mann auf dem Schiff verteilt, spähten über das Wasser, aber wir fanden Werner nicht wieder.

Ich werde die Worte von Kapitän Krominga nie in meinem Leben vergessen :

„Möge Gott seiner Seele gnädig sein!"

Die Reise nach Kapstadt ging weiter.

Thetis war von Bord gegangen, Werner hatte seinen Platz gefunden, im unendlichen Reich Neptuns.